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Gelassenheit

Meine Lieben,

wahrscheinlich habe ich das schon mehrmals zu dieser Zeit in den vergangenen Jahren geschrieben, aber es stimmt immer noch: Eine der besten Zeiten im Jahr ist Ende August, Anfang September, die heißen Tage sind vorbei und die Stunden am frühen Morgen, wenn das Licht sich durch Wolkenschleier schiebt und den Tag ankündigt, einmalig.

Die Sonne spiegelt sich in den feuchten, grünen Blättern, die leicht im Wind schaukeln, jetzt wird sie etwas stärker und die Blätter beginnen zu tanzen. Das Grummeln eines Flugzeuges irgendwo weit oben stört die morgendliche Stille.

Es ist wieder Ruhe, eine Amsel beginnt zu singen, die Zeit hält den Atem an und lauscht.
Hoch oben im Blauen ein Milan.

Die Sonne steigt ein bißchen höher, über die grünen Wälder, es ist Tag.

Wie ein Wunder ist diese Zeit am frühen, beginnenden Morgen. In der Ferne tanzen die Äste der alten Trauerbirke, anmutig (was für ein schönes Wort) schwingen sie ihre Körper.

Das bodentiefe Fenster ist geöffnet und ein kühler, erfrischender Hauch umstreichelt meine Beine, während ich hier am Schreibtisch sitze, die Worte in die Tastatur fließen, mein Herz wie selbstverständlich schlägt und meine Seele mit dem kühlen Morgen über den See fliegt. Später wird sie mir erzählen, wie sich das Wasser unter ihr kräuselte, ein Fischerboot leicht schaukelte, die Netze schon halb im Boot waren, viele Fische zappelten heute nicht in ihren Maschen.

Es ist so ruhig da unten, das Wasser in der Tiefe angenehm, sie bewegen sich nur leicht in der Strömung, mit dem Rhein, der nach Westen und später nach Norden will. Große Schiffe, so richtig große, gibt es nicht auf dem See, später ja, nach dem Rheinfall, der bald schon in die Tiefe donnert, trägt der Fluß ab Basel die Frachtkähne bis zum Meer.

Als ich 14 Jahre alt war, habe ich eine Rheinfahrt von Germersheim nach Rotterdam gemacht, vielleicht sollte ich was Ähnliches heute wieder mal in Angriff nehmen. So eine Flußfahrt hat ja den Vorteil, daß man rechts und links etwas anderes sieht als nur Wasser, das ist natürlich angenehmer als auf dem offenen Meer, und zudem kann man nicht seekrank werden.

An die Burgen am Rhein erinnere ich mich, die Loreley auf dem Felsen, die versuchte, die Schiffer abzulenken, naja, manchmal läßt man sich gerne im Alltagsleben ein bißchen aus der Bahn bringen, Hauptsache, man kommt irgendwie dann wieder auf den richtigen Weg, wobei sich natürlich die Frage stellt, was ist richtig? Das ist nämlich für jeden ein bissl anders.

In Haarlem am Strand bin ich begeistert in die Nordsee eingetaucht, in einer großen Welle hat mich plötzlich ein Mädchen an die Hand genommen, oder war das umgekehrt und ich habe sie an der Hand genommen? Egal, auf jeden Fall haben wir uns von da an für eine Weile in den grauen Wellen vor der Welt versteckt.

Spannend war’s und schön!

Von Rotterdam war ich begeistert, sodaß ich viele Jahre später mit meiner Freundin die Stadt nochmals besuchte. Wir haben dann dort auf einem Flohmarkt eine griechische Landschildkröte gekauft, keine Ahnung, wie die bis dahin kam, logischerweise haben wir sie dann Erasmus genannt. Seit dieser Zeit habe ich immer Schildkröten um mich, mein Agamemnon ist jetzt schon über 25 Jahre alt, die Electra wahrscheinlich so 10 Jahre. In China, habe ich gelesen, gehören sie zu den vier heiligen Tieren, der flache Bauch symbolisiert die Erde, der Panzer den Himmel.

Seit 220 Millionen Jahren sind sie schon auf unserem Planeten, kein Wunder, daß in vielen Kulturen die Schildkröte ein Zeichen für Langlebigkeit, Geduld und Weisheit ist. Wenn ich so am Rand des ehemaligen Teiches in meinem Garten, der jetzt ein Schildkrötengehege ist, sitze und ihnen zuschaue, dann wird mir mal wieder klar, daß in der Ruhe und der Beständigkeit die wirkliche Stärke liegt. Mit zunehmendem Alter kommt vielleicht auch noch die Geduld und Weisheit dazu, hoffe ich.

Ich wünsche euch einen gelassenen Sonntag,
paßt auf euch auf, streitet nicht und haltet zusammen!

Lieben Gruß vom See
Euer Eckhard/Papa/Opa

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