Zum Inhalt springen

Nach Hause

Meine Lieben,

ich fahre, die Autobahn ist relativ leer, es geht zügig voran.

Warum winken wildfremde Menschen von der Brücke anderen wildfremden Menschen zu?
Eine Frau im weißen T-Shirt, Bluse oder Pullover hat beide Arme wie ein V nach oben gereckt und grüßt mich. Zwei Radfahrer halten sich am Brückengeländer fest, so müssen sie nicht absteigen, einer winkt mit der rechten Hand.

Wenn wir beide gelaufen sind, unsere zehn Kilometer, sind wir am Ende unseres Laufes auch über eine Brücke gekommen, die sich über die Fahrbahn spannte. Stehengeblieben sind wir eigentlich nie, da waren wir viel zu sehr mit unserem Atem beschäftigt, ich auf jeden Fall, meine Freunde wahrscheinlich weniger.

Ab und zu bin ich unsere Strecke alleine gelaufen, aus dem Dorf, entlang der Felder und durch den Wald, dann habe ich mir die Freiheit genommen, nicht jedes Mal, auf der Autobahnbrücke zu stehen und die heranrasenden Autos zu betrachten. Wie schnell wurden sie unter mir verschluckt! Ich drehte mich um, sah sie von hinten und hast-du-sie-nicht-gesehen, waren sie in der Ferne entschwunden.

Wohin wollen sie alle, was ist ihr Ziel?

Besuchen sie Freunde, die Eltern, vielleicht die alte Tante, die alleine im Altersheim sich ihre Tasse Kaffee aufbrüht, vor sich hinschaut, zu müde, um etwas zu lesen, im stummen Fernseher fahren kleine Boote ins Atoll, lautlos, wie die Fische, die dort ihre Kreise ziehen. Ihr Kopf fällt ein wenig zur Seite, mit leicht geöffnetem Mund schläft sie die Zeit hinweg.
Keine Ahnung, wie lange das noch andauert.

Vielleicht bringen sie auch die Kinder wieder nach Hause, vorbei das „Papa“-Wochenende, zurück ins Alltagsleben, seltener ein „Mama“-Wochenende.

Manche erhalten einen wichtigen Anruf, komm nach Hause!
Was ist passiert?
Nichts!
Und deswegen machst du das so dringend!
Ja, ich wollte dir nur sagen, daß ich dich liebe und persönlich ist das besser als am Telefon oder per WhatsApp.
Da hast du recht!

Auch Odysseus wollte nur nach Hause, vieles hat ihn unterwegs aufgehalten, auch für uns ist es selten ein gerader Weg, Skylla und Charybdis machen uns zu schaffen, Sirenen und Zauberinnen lassen uns vom Weg abweichen, und wenn wir dann noch jemand verärgern, wie Odysseus Poseidon, dann haben wir ein weiteres Problem, das den direkten Weg erschwert.

Am Ende wollen wir alle nur nach Hause, dort gut ankommen und liebevoll aufgenommen werden.

In einer Serie aus den 80ern, die in den 60ern spielt (Irgendwann und Sowieso), sagt an einer Stelle einer der Hauptdarsteller: „Irgendwann muß jeder heim, egal, wo das dann ist.“

So stimmt das auf jeden Fall, meine ich.

Übrigens ist mir beim Film Odysseus, der allenthalben in den Kinos große Erfolge feiert, auch wirklich nicht schlecht aufgefallen, daß fast alle Schauspieler, egal ob Penelope, Odysseus, Eumaios, der treue Schweinehirt, unglaublich weiße Zähne haben, irgendwann konnte ich gar nichts anderes mehr sehen als diese gebleichten Zähne, war irgendwie unpassend, hat auf jeden Fall nicht zur Kostümierung gepaßt.

Der Vati hatte immer eine ganze Palette von Zähnen in verschiedenen Farbnuancen, sodaß ein Zahn, der ersetzt werden mußte, auch zu den restlichen, die man natürlicherweise im Mund trägt, paßt. Heutzutage wäre das in vielen Fällen einfacher, er und der Patient müssten sich nicht solche Mühe machen. Weiß, und die, die noch drin sind, machen wir dann auch weiß, ruck-zuck!

Naja, jetzt bin ich mal wieder abgeschweift, auf jeden Fall kam der Odysseus, wie wir wissen, wieder heim, hat Tabula rasa gemacht und wahrscheinlich glücklich gelebt bis …
Bei den Gebrüdern Grimm hätte man jetzt gesagt: „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“.

Das ist natürlich ein schöner Gedanke, so eine Illusion des ewigen Lebens, aber letztendlich steht das endgültige Ziel eben fest.

Ich wünsche euch einen heimeligen Sonntag,
paßt auf euch auf, streitet nicht und haltet zusammen.

Lieben Gruß aus Gardone
Euer Eckhard/Papa/Opa

P. S. Eine Auswahl der Sonntagsgedanken als Taschenbuch bekommt ihr bei Amazon oder auch unter ISBN 978 376 9311 006 und ISBN 978 369 5178 643 bei eurer Buchhandlung.

Kommentare sind geschlossen, aber Trackbacks und Pingbacks sind möglich.

Abonniere die Sonntagsgedanken

Die letzten Beiträge

Archiv