Meine Lieben,
es ist jetzt wirklich schon sehr heiß!
Ich schätze mich glücklich, hier am See zu sein. Oft kommt ein kleines Lüftchen, das ist recht angenehm. Mit einer Freundin war ich unten am See, sie hat einen privaten Badeplatz, am Sonntag sind da einige Gäste, aber unter der Woche fast niemand, außer den drei unter dem Baum.
Die drei unter dem Baum? Zwei ältere Damen und ein älterer Herr, naja, jetzt schreibe ich älterer Herr, soviel älter als ich ist der auch nicht. Eigentlich sind die immer da, von morgens bis abends, vielleicht auch die ganze Nacht, aber das kann ich nicht bezeugen. Auf jeden Fall habe ich das Gefühl, die „leben“ hier, hier unter diesem Baum am privaten Badeplatz.
Ob sie ab und zu ins Wasser gehen, ich vermute ja, aber gesehen habe ich das noch nie, die Damen reden im Akkord und der Mann hört interessiert zu, zumindest tut er so. Weiß der liebe Gott, was sie alles zu besprechen haben. „Sie schwätze dem Teufel die Ohren weg“, sagt man dazu. Was so los ist im Dorf, wer mit wem und warum und überhaupt, das kann man ja gar nicht glauben, oder doch, wirklich, was du nicht sagst …! Auf jeden Fall geht ihnen den ganzen Sommer lang der Gesprächsstoff nicht aus. Wie das im Winter aussieht? Keine Ahnung, es wird ihnen schon etwas einfallen.
Als ich vorgestern mit dem Fahrrad runter zum See fuhr, zum Badeplatz, wurde direkt gegenüber des Parkplatzes, der im Sommer etwas kostet (wegen der Touristen), die Straße ausgebessert. Eine Ampel hielt die Autos zurück und ein Lkw kippte den heißen Teer auf die Straße, die Walze machte das, was eine Walze machen sollte, sie walzte alles platt.
Ich war vom Rad gestiegen, schaute etwas zu und zog den Geruch des heißen Teers ein, ich genoss das, Kindheitserinnerungen. Heiß dampfte die Straße, die Männer in ihren orangefarbenen Overalls schwitzten und wunderten sich wahrscheinlich, daß ich Ihnen begeistert zuschaute.
Man hat solche Kindheitsgeruchserlebnisse und nicht nur das, man hat auch Daswillichmalwerdenwünsche. Pilot, Friseuse, halt, heißt heute Friseurin, Astronaut, Polizist, Chef (das ist jetzt eher ein Zustand, aber das weiß man als kleiner Bub nicht) etc.
Kürzlich habe ich ein altes Konfirmationsbild gesehen und jemand hat mir erzählt, daß der Soundso, der in der zweitletzten Reihe stand, Polizist geworden ist. Wenn ich den so anschaue, also auf dem Foto, da kann ich mir das gut vorstellen, warum? Irgendwie sieht der so aus, war übrigens ein netter Kerl, wahrscheinlich ist er das heute noch, so etwas ändert sich ja nicht. Die Netten bleiben nett, die Arroganten arrogant, die Aggressiven aggressiv, die Gescheiten meist noch gescheiter und die Dummen? Grundsätzlich ändert sich eben keiner.
Meine Berufswünsche waren nicht so hochtrabend. Wie alle Kinder war ich vom Müllwagen fasziniert.
Vor ein paar Wochen in Hofheim brachte ich den Müll runter, als gerade das Müllfahrzeug um Ecke fuhr, zwei kleine Kinder, ich vermute Zwillinge, etwa drei Jahre alt der Bub mit blauem Fahrradhelm, das Mädchen, wie könnte es anders sein, mit pinkfarbenem Helm, auf ihren Laufrädern, blieben fasziniert stehen und waren von ihrer Mutter nicht zu bewegen, weiter zu laufradeln. Auch mein jüngster Enkel rennt zum Fenster, klettert auf die Couch, wenn er den Müllwagen hört, und drückt sich die Nase an der Scheibe platt.
Nicht der Wagen hatte es mir angetan, nein, ich bewunderte den Mann, der die Mülleimer einhängte, auf einen Knopf drückte, die Eimer nach oben anheben ließ, mehrmals wurden sie geschüttelt, wieder leer nach unten, dann zurück auf den Gehweg und jetzt kam der Moment, bei dem meine Bewunderung ins Grenzenlose stieg, innere Begeisterungsstürme entfachten.
Er stand jetzt auf einem kleinen Podest hinten am Wagen, hielt sich mit einer Hand fest und pfiff gellend mit der anderen, freien Hand mit zwei Fingern das Alarmsignal, der Fahrer wußte, jetzt geht es weiter zur nächsten Tonne.
In meiner Heimatstadt hieß das übrigens nicht Müllmann, sondern Dreckbauer, ich habe mal nachgegoogelt, das ist ein „veralteter, regionaler Dialektausdruck für jemanden, der die Müllabfuhr oder das Abholen von Unrat besorgte, historisch aus dem rheinischen und pfälzischen Sprachraum“. Na, wieder etwas gelernt, hab’ schon gedacht, wäre wieder so etwas gewesen, daß man nur in meiner Geburtsstadt sagt.
Ich wünsch’ euch einen wohl temperierten Sonntag mit etwas anderer Musik …
… und wenn ihr was zum Lesen sucht, warum nicht mal Gedichte von Wolf Wondratscheck (findet ihr bestimmt im Netz) zum Beispiel „Bei del Favero“.
Paßt auf euch auf, streitet nicht
und haltet zusammen
lieben Gruß vom See
Euer Eckhard/Papa/Opa
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