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Ausdauer

Meine Lieben,

ich war mit Nello im Wald, habe auf der Terrasse unter dem Vordach gefrühstückt, es ist heute zu heiß und ich will nicht in der Sonne sitzen. Die Vögel zwitschern, wo der Hund ist, kann ich nicht sagen, irgendwo im Schatten, entweder im Haus in irgendeinem Zimmer oder im Keller, da ist es schön kühl, vielleicht hat er sich auch im Garten ein schattiges Plätzchen gesucht.

Ich lehne mich zurück, neben mir auf der Stuhllehne eine kleine rote, eher orangefarbene Spinne. Sie läuft auf der Oberkante entlang, plötzlich hängt sie in der Luft! Ich nehme meine Hand weg und sie beginnt zu schaukeln, da hat sie doch an einen meiner Finger einen Faden geschossen.
Jetzt ist sie wieder am Stuhlrand, unglaublich wie schnell, effektiv und auch irgendwie geheimnisvoll das alles vor sich geht.

Wieder an der Unterseite der Armlehne, frei schwebend in der Luft.
Hat sich nun drangemacht, die geschwungene Eisenverzierung des Stuhls zu erklimmen. Sie krabbelt recht schnell, rutscht manchmal ab, fängt sich wieder, gibt nicht auf und kommt so Stück für Stück höher. Geschafft. Sie hält sich an den berühmten Satz aus dem Stechlin von Fontane: „Courage ist gut, aber Ausdauer ist besser. Ausdauer, das ist die Hauptsache.“

Sie ist oben! Und jetzt?
Ich rühre in meiner Teetasse, alte Gewohnheit aus Zeiten, als ich noch Zucker nahm, es schlägt zehn vom Kirchturm.

Wo ist sie jetzt?
Ah, hier! Am Ende der Armlehne. Sie verweilt dort, was will sie bloß? Wahrscheinlich ein Netz spannen, um irgendwelche kleinen Mückchen zu fangen. Geht das überhaupt, wenn sie selbst noch so klein ist?
Ich schaue mal im Internet nach, wie das mit Spinnen so ist.
Gut, einiges gelernt.

Ich drehe mich um, schaue, nichts, sie ist weg!
Einfach so, an langen Fäden in die Welt geschwungen.

Ich lehne mich zurück, schaue in die Weite, denke „Spinne am Morgen, Kummer und Sorgen“, „Spinne am Abend, erquickend und labend“, „Spinne am Vormittag, Glück am nächsten Tag“.
Also, jetzt such’ ich mir das Beste raus.

Gestern war ein Dachs bei uns im Garten, kommt ein Dach so nahe ans Haus, dann wird behauptet, daß das Glück bringt. Ah, und jetzt ruft noch der Kuckuck, schnell auf den Geldbeutel klopfen, so!

Und wenn man etwas sucht, muß man nur den heiligen Antonius anrufen, meine Mutter meinte, daß das immer hilft. Ich habe es letzthin versucht, ich meine das mit dem heiligen Antonius, geklappt hat es bis jetzt nicht, vielleicht war ich nicht inbrünstig genug.

————

Nicht weit von unserem Haus am Bodensee gibt es einen schönen Spazierweg. Von einem kleinen Parkplatz am Waldrand geht man vorbei an Feldern, biegt dann links ab in einen Waldweg und kommt nach kurzer Zeit an eine wunderbare Lichtung. Dort steht am Wegesrand eine Bank, daneben eine große Tafel, auf der eine ehemalige Klosteranlage erklärt ist. Heute ist da eben nur noch diese wunderbare Lichtung.

1895 wurde an der Stelle am ehemaligen Eingang zur Klosteranlage zur Erinnerung ein Kreuz aufgestellt. Das ist jetzt mehr oder weniger in der Mitte dieser Lichtung.

Ich sitze auf der Bank, der Hund hat genug zu schnuppern, es ist unglaublich friedlich, außer Naturgeräuschen nichts zu hören.

Ich atme tief durch, wie hat unser Führer letztes Jahr in Laos gesagt, man kann immer und zu jeder Zeit meditieren, das sei keine große Kunst, ruhig sein, sich seiner selbst bewußt sein, eins sein mit sich und der Welt.

Genau so fühle ich mich dort, auf dieser Bank, ganz bei mir.

Ich wünsche euch einen harmonischen Sonntag,
streitet nicht, haltet zusammen und paßt auf euch auf.

Lieben Gruß vom See
Euer Eckhard/Papa/Opa

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