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Freundschaft

Meine Lieben,

wie ist das mit der Freundschaft?

Ich frage mich, erstens, habe ich Freunde, und zweitens, bin ich ein guter Freund?

Die Jahre waschen die Zeiten hinweg, man hängt sie auf wie einen Waschlappen. Nimmt das Handtuch, trocknet sich ab und der Tag beginnt.

So geht es das ganze Leben. Man ist mit sich selbst beschäftigt, mit Kindern, Enkelkindern, Partnerinnen. Mit allen ist man natürlich freundschaftlich verbunden, aber das ist nicht, was ich meine, weil die sind ja, außer den Partnern, alle mit einem verwandt, man kann sie sich nicht aussuchen und nimmt sie deshalb als selbstverständlich und gottgegeben wahr.

In der Jugend hat man Freunde, aber man ist sich unsicher, schätzt es nicht, denkt nicht darüber nach, nimmt das deshalb auch als selbstverständlich wahr. Jeder nimmt dann sein Leben in die Hand, zieht in die Welt, oder auch nicht, um sich zu verwirklichen oder um es zumindest zu versuchen.

Man weiß da noch nicht, daß man eben nicht aus seiner Haut kann. „Setz dir Perücken auf von Millionen Locken, / Setz deinen Fuß auf ellenhohe Socken, / Du bleibst doch immer, was du bist“ (aus Goethes „Faust“).

Ab und zu trifft man diesen oder jene in der Stadt, wenn man die Eltern besucht, solange die noch da sind. Später wird das seltener, ab und zu gibt es Klassentreffen, da kommen dann die meisten einfach nicht mehr, entweder weil sie schon nicht mehr unter den Lebenden weilen, das muß man akzeptieren, oder weil sie einfach keine Lust haben, diesen Aufwand auf sich zu nehmen.
Lange Anfahrt, übernachten in einem billigen Hotel, die Kopfkissen riechen nach Zigarettenrauch und der Duschvorhang ist schon etwas speckig und wickelt sich einem um die Waden, aber das sollte alles keine Entschuldigung für’s Fernbleiben sein.

Aber manchmal, manchmal, viel, viel später weiß man, daß es da doch unglaubliche Freundschaften gibt.

Wir waren zwischen fünfzehn und zwanzig.
Er lebte alleine, die Gründe, warum, sind jetzt nicht so wichtig, irgendwann sind seine Eltern eben aus beruflichen Gründen weggezogen und er ist aus schulischen Gründen dageblieben.

Nach seinem Aushilfsjob an der Autobahntankstelle, um das Taschengeld aufzubessern, pfeift er gegen 22 Uhr unten auf der Straße durch die Finger. Aus dem vierten Stock werfe ich ihm den Schlüssel, den ich in einen alten Handschuh stecke, hinunter. Bis zum frühen Morgen reden wir, rauchen wie die Schlote, hören Musik und genießen die gemeinsame Zeit. Das ist ganz normal und selbstverständlich für uns.

Wie so oft im Leben weiß man erst im Nachhinein, wie gut und einmalig alles war.

In seiner Band versuche ich mich während einer Übungsstunde als Sänger, ich habe Hemmungen, weil ich das mit der zweiten Stimme nicht so richtig hinbekomme. So lasse ich das sein, schweren Herzens, weil eigentlich habe ich bis heute eine recht gute Stimme und singe auch ganz passabel. Sind wir alleine oder gemeinsam auf einem Fest, spielt er viele Beatles-Songs, wir singen zusammen, die meisten Texte kann ich bis heute noch auswendig, wir sind beide in unserem Element.

Mit unseren kleinen 50er Hondas ziehen wir durch die Kurven im Schwarzwald, pure Freude und Abenteuer.

Es gibt noch viel zu erzählen, aber das ist nur für uns beide interessant.

Viele Jahre hatten wir keinen Kontakt, jeder war, wie das so ist, mit seinem Leben beschäftigt.
Zur Beerdigung eines gemeinsamen Freundes, der viel zu früh starb, ich glaube vor fast 20 Jahren, haben wir uns getroffen.

Danach war wieder eine Zeitlang Funkstille, vor drei Jahren hat sich unser Kontakt intensiviert, er war zwischenzeitlich mehrmals am See und es war wie vor 60 Jahren, als er unten im Hof im Dunkeln den Schlüssel, sturzgeschützt im Handschuh, suchen mußte.

Vor ein paar Tagen schrieb er mir, daß er ernstlich erkrankt ist, aber Hoffnung hat.

Ich schreibe ihm täglich, schicke ihm Musik von damals, er antwortet, hält mich auf dem Laufenden und ich meinte, er solle sich auf jeden Fall anstrengen, daß wir, wie besprochen, gemeinsam die 90+ Jahre schaffen. Und ich bin sicher, wir kriegen das hin!

Damit hat sich meine erste Frage von oben erledigt und die zweite müssen andere beantworten.

Ich wünsche mir so sehr, daß wir unsere Freundschaft zwischen jetzt und der magischen Zahl noch weiter genießen können, auf dieser

Und wir wissen ja alle, daß, wenn man sich ernsthaft etwas fest wünscht, dann wird das auch was!!

Habt einen hoffnungsfrohen Sonntag,
haltet zusammen, streitet nicht und paßt auf euch auf.

Lieben Gruß vom See
Euer Eckhard/Papa/Opa

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