Meine Lieben,
ich weiß nicht, warum, aber wenn ich Französisch höre, dann packt mich ein Gefühl, das ich kaum beschreiben kann. Französisch ist für mich keine Sprache wie Englisch, das spreche ich recht gut, Französisch verstehe ich zwar fast alles, aber beim Sprechen fehlen mir wegen mangelnder Übung die Worte. (Vielleicht sollte ich dagegen etwas tun.)
Das Gefühl, das mich überfällt und das ich nur schwer beschreiben kann, hat zu tun mit Traurigkeit oder besser Melancholie, Freude, Freiheit, Jugend, Sonne, Meer, Gauloises, Paris, Bretagne, Rillettes, Pâté …
Mein Herz öffnet sich und die Seele will fliegen.
Ich fliege davon, wohin? Keine Ahnung, irgendwohin und nirgendwohin, ein bißchen bedauere ich, daß ich schon so alt bin, aber nur ein bißchen.
Ich will doch noch so vieles gerne unternehmen, aber einiges geht einfach nicht mehr.
Ich muß – muß! – auf jeden Fall nach Frankreich, nach Paris, mit der Metro umhergondeln, alles nochmal anschauen, mich ans Meer setzen, Crêpes essen und mein Leben hinwegträumen.
Wahrscheinlich stimmt das doch, was Hemingway gesagt hat: „Wenn du das Glück hattest, als junger Mensch in Paris zu leben, dann trägst du die Stadt für den Rest deines Lebens in dir, wohin du auch gehen magst, denn Paris ist ein Fest fürs Leben.“
Ich war 17, als ich einige Zeit alleine in Paris war, mein Geld am Flipperautomaten verzockte, mit einem Bekannten, den ich in der Alliance Francaise (das war die Schule) kennenlernte – er war schon 19 und hatte einen alten Renault R4, mit dem wir zum Mont Saint-Michel fuhren. An einem Tag hin und zurück. Auf dem Rückweg hat der R4 den Geist aufgegeben, ein freundlicher Lkw-Fahrer hat uns mitgenommen. Gegen 3 Uhr morgens waren wir wieder in der Stadt.
An der Seine, unterhalb der Pont Neuf, saßen wir nach der Schule, haben gequatscht, auch manchmal ein Schlückchen Rotwein getrunken, natürlich hat ein Baguette auch nicht gefehlt. Nein, ich glaube keinen Wein (klingt aber gut, dieses Klischee). Viel geraucht, Gauloises, die Blauen, die blieben dann die meinen, bis ich mit Mitte 30 das Rauchen aufgab.
War übrigens nicht so einfach, die Blauen in den späten Sechzigern in Deutschland zu bekommen. Da in Pforzheim eine französische Garnison stationiert war, konnte man sie dort
ergattern. Später gab es sie ja an jedem Automaten. Heutzutage sind sie, glaube ich, von der Bildfläche verschwunden. Ich habe übrigens noch ein Päckchen, 19 Stück sind da drin, Preis steht auch drauf: DM 3,60. Irgendwann probier ich mal eine!
Als am 21. August 1968 Soldaten des Warschauer Paktes aus der Sowjetunion, Polen, Ungarn und Bulgarien in die ČSSR einmarschierten, um den sogenannten Prager Frühling zu zerschlagen, den Alexander Dubček initiiert hatte, war ich natürlich bei der Demo gegen diese Aggression in Paris dabei.
Ein Carnet, das waren 10 Tickets für die Metro, hatte ich immer in der Tasche, und manchmal war ich mehr im Untergrund als an der Oberfläche. Aber so ist das auch in der Wirklichkeit, man muß immer tief in sich graben, um alles, was wichtig ist, zu finden.
Der Untergrund, die Hektik, die vielen unbekannten und doch irgendwie bekannten Gesichter, der Lärm der Metro, wenn sie einfuhr, einmalig. Wenn es am Morgen auf dem Weg zur Schule noch kühl war, dann genoß ich die warme Luft aus den Metroschächten.
So im Nachhinein war es eine der wunderbarsten Zeiten meines Lebens. Das mit dem Wunderbar stellt man natürlich immer erst viel später fest.
Im Hier und Jetzt ist man so sehr mit Leben beschäftigt, daß man nicht immer Zeit und Sinn für die Schönheit und Einmaligkeit des Daseins hat. Wahrscheinlich werde ich auch feststellen, daß alles irgendwie gut war, sogar das, was einmal, auf den ersten Blick, nicht so gut war.
Wie hat die Mutti in ihren letzten Tagen im Krankenhaus zu mir gesagt: „Heul jo net, i hab a guts Lebe g’het.“ Wenn man dann bedenkt, was sie alles durchmachte, Krieg, Angriff in Pforzheim, kurz vor Kriegsende, mit unzähligen Toten. Ungeplante Schwangerschaft, ein Kind, Scheidung 1952, da war das noch etwas Außergewöhnliches, und alleinerziehend war eher ein Makel, nicht so, wie man das heute betrachtet.
Als ich vier Jahre alt war, hat sie wieder geheiratet.
Über Jahre die Oma, ihre Schwiegermutter, die bettlägerig war, gepflegt, meine Stiefgeschwister mit erzogen, den Ärger mit mir in der Schule und was ich sonst noch für Dummheiten gemacht habe, darüber wollen wir jetzt nicht reden, und trotzdem sagt sie zu mir in ihren letzten Tagen: „I hab a guts Lebe g’het, heul jo net!“
Dann hat sie meine Hand genommen, gedrückt: „Warsch an brave Bu.“
Was will ich mehr!
und zum Lesen „Ein Fest fürs Leben“ (Hemingway).
Ich wünsche euch einen wunderbaren Sonntag.
Streitet nicht, haltet zusammen und paßt auf euch auf.
Lieben Gruß vom See
Euer Eckhard/Papa/Opa
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