Meine Lieben,
kürzlich war ich in London, um unseren Enkel zu besuchen, und da fiel mir auf, was doch der größte Vorteil meines internationalen Jobs war, den ich viele Jahre ausgeübt habe.
Genau!
Ich spreche mehr oder weniger fließend Englisch und kann mich so mit dem jüngsten (zweijährigen) Enkel unterhalten, manchmal rutscht mir doch ein deutsches Wort dazwischen, wenn ich zum Beispiel etwas bestätige wie, siehe oben, „genau“. Da er mehrsprachig aufwächst – die Mama spricht Polnisch, der Papa Englisch – beantwortet er die Frage nach der Sprache des Opas, das sei „Genau“.
Vielleicht stimmt das ja sogar ein bißchen, ich glaube, unsere Sprache hat tatsächlich die Fähigkeit, vieles sehr präzise auszudrücken. Ok, ok, die Worte werden manchmal etwas lang, aber dafür drücken sie eben etwas ganz korrekt, unzweifelhaft aus.
Eine Bushaltestelle ist eben ein Punkt, an dem ein Bus hält, und eine Fahnenträgerfindungskommission legt eben fest, wer die Fahne tragen soll in einem ebenso genau festgelegten Prozess.
Euch fällt bestimmt noch mehr ein.
Donaudampfschiffahrtsgesellschaftskapitän, (alter Hut), Streichholzschachtel, da weiß man doch genau, wo die und aus was die sind und was man mit denen macht, Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, das kennen wir ja alle, und es gibt noch viel, viel mehr, unzählig.
Deshalb und ich habe das ja schon mehrfach erwähnt, finde ich so schrecklich, wenn man die Sprache verkürzt wie Kita, Quali …
Die Reise ins Land derer, bei denen man beim Überqueren der Straße besser erst nach rechts schaut und dann nach links, findet in der Regel oder zumindest oft mit dem Flugzeug statt. Vor 60 Jahren, als ich gemeinsam mit meinem Austauschfreund von meiner Heimatstadt in seine Heimatstadt, Ipswich, reiste, nahmen wir das Schiff, also meine Eltern fuhren mit uns nach Zeebrügge und von dort ging es mit der Fähre übers Wasser. Auf die Idee zu fliegen wären wir nie gekommen.
Ich denke, daß dies für meine Eltern ein Ausflug war, sie sich wahrscheinlich danach Brügge anschauten etc. Mein kleiner Bruder wurde, nehme ich mal an, bei der Oma abgegeben, ich kann mich nicht erinnern, daß er bei der Fahrt dabei war. Ich gehe mal davon aus, daß er, auch wenn es nur ein paar Tage waren, fürchterlich unter Heimweh litt.
Tat er immer, obwohl Oma und Opa nur ums Eck wohnten.
Ich war sehr gerne dort, aber das kommt wahrscheinlich daher, weil ich als kleiner Stibbich die ersten Lebensjahre mehr oder weniger mit ihnen verbracht habe.
Den Rückweg von diesem Austauschtrip habe ich auch mit dem Schiff gemacht, zurück nach Zeebrügge, dann von Brügge mit dem Zug weiter über Köln und Stuttgart nach Pforzheim. Ich kann mich erinnern, daß ich in Brügge fast einen Tag Aufenthalt hatte, meinen Koffer habe ich in der Aufbewahrung abgegeben und mir die Stadt angeschaut. Ich war 15 Jahre alt, und wie man sieht, bin ich ohne Google Maps und Handy auch wieder nach Hause gekommen. Heute würde mir das schwer fallen, man hat sich ja so an diese Bequemlichkeit gewöhnt. Vielleicht verpaßt man dadurch auch etwas Spannung und Abenteuer?
An diesem langen Wochenende feiern wir Pfingsten und außer, daß wir mehr Tage frei haben, also, ihr, nicht ich, ich hab ja immer frei, macht es Sinn, ein wenig daran zu denken, was dieser „heilige Geist“, der die sogenannten Jünger erfaßte, eigentlich soll.
Genau!!
Neuen Lebensmut und Orientierung bringen, Barrieren zwischen uns aus dem Weg räumen, in anderen Worten ein besseres, toleranteres, freudiges Miteinander … Das ist doch mal etwas, um das wir uns alle bemühen sollten, egal ob in der Familie, an der Straße von Hormus, im Libanon und in Gaza, der Ukraine oder wo das sonst noch von Nöten ist.
Es lohnt sich wirklich, den Text dieses Songs von Bob Dylan (der an diesem Pfingstsonntag übrigens 85 Jahre alt wird) aus dem Jahr 1963 bewußt mitzulesen und die entsprechenden Schlüsse daraus zu ziehen.
Ich wünsche euch ein harmonisches Pfingstfest,
seid nett zueinander, paßt auf euch auf,
haltet zusammen und streitet nicht.
Lieben Gruß vom See
Euer Eckhard/Papa/Opa
P. S. Eine Auswahl der Sonntagsgedanken als Taschenbuch bekommt ihr unter ISBN 978 376 9311 006 und ISBN 978 369 5178 643


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