Meine Lieben,
ursprünglich wollte ich etwas anderes erzählen, aber das muß ich erst noch alles kopfmäßig sortieren, war einfach zu viel, zu schön, zu spannend, deswegen berichte ich lieber, was mir heute Morgen so durch den Kopf ging.
Sie war wieder da, lief langsam vor mir über den Boden des Badezimmers. Wenn ich sie so betrachte, dann meine ich, daß sie in den letzten Tagen sogar etwas gewachsen ist, ja, bestimmt!
Letzten Montag, als ich sie das erste Mal sah, war sie kleiner. Das ist zwar nur eine Woche her, aber das ist doch eine lange Zeit für jemand, der nur eine Lebensdauer von ein bis zwei Jahren hat. Männliche, sagt man, leben sogar etwas kürzer. Na, das kenne ich, ist bei uns Menschen auch so, wir Jungs leben etwas kürzer als die Mädels.
Warum?
Man sagt, daß das von verschiedenen Faktoren abhängt.
Der Lebensstil von Männern in Bezug auf Gesundheitsvorsorge und Gesundheitsverhalten könnte besser sein. Berufe mit höherem Unfallrisiko, oft ein risikoreiches Verhalten im Straßenverkehr, im Kriegsfall schlägt die Statistik dann ganz erbarmungslos zu.
Von der Biologie her sind wir ein bißchen benachteiligt, mit nur einem X-Chromosom können wir entsprechende Defekte nicht so gut ausgleichen. Mit zwei X-Chromosomen hätten wir, wie die Frauen, ein besseres Immunsystem, und unser Testosteron sorgt dafür, daß wir eher für Herz-Kreislauf-Krankheiten anfällig sind.
Wenn ich mir das alles so überlege und auch noch lese, daß Männer in der Regel fünf Jahre kürzer leben als die weiblichen Mitmenschen, dann müssten die Männer doch fünf Jahre früher rentenberechtigt sein, oder?
Na, diese Aussage entfacht jetzt bestimmt einen Sturm der Entrüstung, aber Fakten sind eben Fakten und die Männer sind wirklich bedauernswerte Kerle.
Aber lassen wir das mit der menschlichen Spezies, wenden wir uns lieber wieder unserem Haustierchen zu, das hier im Badezimmer so über die Platten läuft, übrigens auch die Wände hoch.
Soll ich das Fenster aufmachen, damit mein Kumpane ins Freie kann?
Will er nicht, hier im Bad ist ja auch immer gut geheizt, kein Wind und Sturm, einfach angenehmer.
Was gibt’s eigentlich für sie oder ihn, ich habe noch nicht festgestellt, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt, hier im Bad zu fressen? Mücken und Fliegen, sind eher selten, wie auch Silberfischchen und Mottenlarven. Das wäre eine willkommene Beute. Ich habe gelesen, daß die Großen manchmal die kleinen Artgenossen fressen, also Kannibalen, war ja früher in verschiedenen Gegenden bei den Menschen auch mal so.
Wenn ich jetzt das Geschlecht wüßte, würde ich ihm oder ihr einen Namen geben, vielleicht nenne ich ihn Andrea, das ist in Italien auch ein männlicher Vorname, und mit der deutschen Andrea hätten wir dann das Mädchen, so könnte ich mich bei ihm/ihr herausreden, später, wenn wir uns etwas näher gekommen sind.
Oh Gott, oh Gott, hoffentlich macht die Regina ein bißchen weniger sauber hier im Bad, nicht daß er/sie unter den Wischmob kommt. Soll ich ihr das sagen?
Eigentlich nicht, ich habe ja gern ein sauberes Bad, nach dem Duschen die Wände abgezogen, die Armaturen immer blitzeblank und keine Tropfen auf dem Boden!
Er/sie wird sich schon zu helfen wissen und sich entsprechend verstecken, und eigentlich ist das Tier (jetzt vermeide ich mal dieses er/sie) auf seinen acht Beinen relativ schnell. Übrigens können die Beine sogar nachwachsen, nicht schlecht, gibt’s bei uns Menschen nicht.
Ok, ok, falls ihr noch nicht wißt, von wem ich hier rede, Andrea ist meine Badezimmerspinne.
Es soll ja Menschen geben, die ganz panisch werden, wenn eine Spinne auf sie zukrabbelt oder auch nur irgendwo in Ruhe sitzt. Arachnophobie heißt das, soll die am weitesten verbreitete Phobie sein, schon Babys können angeblich Stressreaktionen zeigen, was auf angeborene Abneigung hindeutet, und das wird dann noch durch Umweltfaktoren verstärkt.
Also, hier kann ich für mich sagen, nichts angeboren und auch umweltmäßig nicht negativ beeinflusst, ich mag die/der Andrea.
Ich wünsche euch einen phobiefreien Sonntag.
Paßt auf euch auf, streitet nicht und haltet zusammen.
Und zum Lesen empfehle ich euch „Der Schnupfen“ von Stanislaw Lem, und zum Anhören:
Lieben Gruß vom See
Euer Eckhard/Papa/Opa
P. S. Eine Auswahl der Sonntagsgedanken als Taschenbuch bekommt ihr unter ISBN 978 376 9311 006 und ISBN 978 369 5178 643.


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