Meine Lieben,
so wie das manchmal passiert, bin ich exakt an dem Montag, an dem ich nüchtern zur Blutentnahme bestellt war, zu spät aufgewacht. Also nicht sehr zu spät, aber doch so, daß ich mit ordentlich Eile mußte. Ich bin dann recht flott, wie ein Salzmann, durch die Straßen gelaufen und war auch rechtzeitig noch in der Praxis.
Wie ich so schnell aus dem Bett gekommen bin, mich gewaschen und angezogen habe, daß ich schlußendlich doch noch pünktlich war?
Naja, meine Kleider waren schon hingerichtet, wie es mir meine Mutter, als ich ein kleiner Bub war, jeden Abend eingetrichtert hat: „Du mußt das so hinlegen, daß du im Falle eines Feuers ruckzuck angezogen bist!“ Das kam, nehme ich an, durch ihre Erfahrung im Krieg und Bombardierungen, daß man bei Gefahr schnell fertig sein mußte, um dann im Keller Schutz zu suchen.
Die Generation meiner Mutter wurde, nehme ich an, autoritär, mit einem Hang zu Disziplin, Widerstandsfähigkeit, Pünktlichkeit und und und erzogen.
Beim Fußball hat man in meiner Jugend noch von „deutschen Tugenden“ gesprochen, soweit ich mich erinnern kann. Man kann nachschlagen, was der DFB damit meinte.
Auf meinem schnellen Weg durch die Stadt habe ich mich gefragt, wo diese so genannten Tugenden heute sind, denn irgendwie ist das inzwischen ein wenig anders, oder täusche ich mich?
Die Generation der Boomer wird heute belächelt, aber eigentlich haben sie alles oder vieles geschaffen, das uns selbstverständlich vorkommt und das Leben zum Teil einfacher macht, oder?
Und erzogen wurden sie, zumindest in Deutschland, von Eltern, die eben aus dieser anderen (autoritären) Zeit kamen, und entsprechend spiegelte sich dies in ihren Erziehungsmethoden: Autorität, Disziplin, Durchhaltevermögen, fester Wille …
Die Boomer haben dann beschlossen, daß sie ihre Kinder nicht so wie ihre Eltern erziehen wollten. Wahrscheinlich ist das immer so, daß man etwas machen will, das das Gegenteil ist von dem, was man selbst kennt oder erfahren hat. Also haben sie mit viel Liebe, das hatten übrigens unsere Eltern auch, die Kinder freiheitlich, antiautoritär, mit viel Fokus auf die persönliche Individualität erzogen.
Die Wirtschaft boomte aufgrund der angesprochenen Eigenschaften und man hatte das Gefühl, daß Wohlstand von alleine kommt. Auch die Demokratie und die persönliche Freiheit wurden als selbstverständlich angenommen.
Mit diesen Werten ist die Nachboomer-Generation aufgewachsen. Sich wohlfühlen, Freiheit haben, persönliche Bedürfnisse befriedigen, Leistung ja, aber nicht als Lebensprinzip, und das Individuum ist wichtiger als die Gemeinschaft.
Jetzt behaupte ich nicht, daß ich immer alles richtig mache, aber auf meinem Weg zur Blutentnahme habe ich mich gefragt, warum wir nicht mehr mit diesen Tugenden Fußball spielen, warum die Züge schmutzig sind und nicht pünktlich, warum keiner Deutschland verteidigen will und jeder meint, alles müßte immer hundertprozentig fair sein und wir es als normal empfinden, daß der anonyme Staat alles für uns regelt.
Wahrscheinlich haben wir Boomer durch unsere Erziehungspraktiken doch einen großen Teil dieses Verhaltens zu verantworten, und wenn ich heute in einer globalen Welt sehe, daß andere ehrgeizig sind, weil sie erreichen wollen, auch so gut zu leben wie wir, dann ist es sehr gefährlich, wenn wir nur in einer Wohlgefühlgesellschaft leben wollen und denken, das wird schon von alleine so bleiben.
Für mich vielleicht noch ja, aber für die Nachfolgenden wird das immer schwieriger und es macht keinen Sinn, alles auf äußere Umstände zu schieben, die können wir meist nicht alleine ändern, aber sich an der eigenen Nase packen, das kann jeder.
Das ist mir alles durch den Kopf gegangen während dieses 10-Minuten-Laufs zur Arztpraxis.
Es ist vielleicht nicht ganz ausgereift, sehr spontan und natürlich gibt es auch viele Menschen, auf die das alles nicht zutrifft.
So, jetzt aber bin ich angekommen, strecke meinen Arm aus, mache eine Faust, um die Vene herauszudrücken, blicke zur Decke, weil ich nicht gerne auf den „Picks“ schaue und atme ruhig durch.
Ich wünsche euch einen entspannten Sonntag.
Streitet nicht, haltet zusammen
und paßt auf euch auf.
Lieben Gruß, auf dem Weg zum See
Euer Eckhard/Papa/Opa
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