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Seelenruhe

Meine Lieben,

vorletztes Wochenende in Rom, letztes in Sopot. Von einer Ecke Europas in die andere. Im Norden waren die Temperaturen angenehm, die Luft frisch, so wie das am Meer eben ist. Die Ostsee dümpelte gemächlich vor sich hin.

Ein bißchen wie ein alter Mensch, sie ist ja auch schon ein bißchen grau. Die Möwen schreien sie an, aber das nimmt sie ihnen nicht übel. Gleichmäßig rollt sie Welle über Welle an den Strand.

Ein aufregendes Leben mag spannend sein, aber ein gleichmäßiges, so wie es die Ostsee uns im Moment vormacht, ist auch sehr, sehr angenehm.

Ja, natürlich, manchmal braucht man einen Anstoß, um etwas zu unternehmen, einen kleinen oder manchmal einen etwas größeren Sturm, aber generell genießt man doch das „gemütliche“ Miteinander.

Nach Tagen der Hektik ist das wunderbar.

„Ma“, heißt das auf Japanisch. Ich habe mir ein „japanisches Orakel“ gekauft, per Zufallsauswahl kann ich jeden Tag einen neuen Begriff lernen, darüber sinnieren und gleichzeitig soll das Leben,
so sagt man, damit auch angenehmer werden. Na, schlechter wird es jedenfalls nicht.

„Ma“ bedeutet „die Zeit dazwischen“ oder Leere. Diese Leere ist ab und zu notwendig. Viele meinen, das wäre nichts für sie, sind beschäftigt mit Planen und Tun. Das muß aber keineswegs sein.

Nachdem ich in der Stadt alles an Schönem in mich aufgesogen habe, sitze ich jetzt einfach nur am Strand auf einer Bank.

Der Wind, der hier anscheinend wohnt und nie Ruhe findet, ist permanent damit beschäftigt, den Sand in die richtige Richtung zu blasen, mit den Fahnen zu spielen, die Wellen anzuschieben, meine Haare in Unordnung zu bringen und die Möwen durch die Luft zu tragen. Er darf das alles, er wohnt ja hier, und wenn es ihm Spaß macht, ist das eben seine Freiheit.

Ich aber spiele mit meinen Zehen im Sand, strecke ihm meine Seele entgegen und bin ganz bei mir. Ja, vielleicht bläst er mir ein paar Gedanken in den Kopf, die dort meine Träume anstoßen.

Eine Geschichte von Lion Feuchtwanger endet damit, daß jemand einen Brief, ohne den Inhalt zu kennen, ungeöffnet zerreißt. Er wollte gar nicht wissen, was darin steht. Vielleicht ist es wirklich wichtig, daß man nicht immer alles weiß. Schon meine Mutter hat immer gesagt: „Ich muß nicht alles wissen, ich muß nicht wissen, wer, wann, wie, was macht oder wo derjenige im Moment ist, ich will nicht alles wissen.“

Vielleicht ist es das, was unsere Welt so kompliziert macht: Die meisten wollen mit allem immer up to date sein, alles wissen. Es gibt ja nur wenig, was wirklich wichtig ist.

Das kann man ganz leicht selbst herausfinden. Überlegt mal, ob das, was euch gerade umtreibt, morgen, übermorgen, in einem Monat, in einem Jahr noch von Bedeutung ist.

Nicht?

So kann man dann mit Gelassenheit auf der Bank am Meer sitzen, Gedanken schweifen lassen, den Wellen und den Möwen lauschen, sich wegträumen.

Ich wünsche euch einen ruhigen Sonntag.
Paßt auf euch auf, streitet nicht und haltet zusammen.

Lieben Gruß vom See
Euer Eckhard/Papa/Opa

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