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Auschee!

Meine Lieben,

ich war 2-3 Tage bei meiner Mutter in Pforzheim, mein Bruder ist in Urlaub und mit 94 wollen wir sie nicht gerne alleine lassen.

Am Morgen steige ich herab vom 5 Stock, 84 Stufen! 

Ich entscheide mich auf der Sonnenseite der Straße zu gehen aber bei diesem Morgenberufsverkehr auf die andere Straßenseite zu kommen ist gar nicht so einfach.

Als ich einmal in Kairo war fragte ich mich, warum mach ich eigentlich gefährlich Outdoortrainings für Manager, Rafting in kleinen Gummibooten, Schwimmen mit dem Managementteam im Wildwasser, lasse mich an steilen Felsen (ich konnte nicht nach unten schauen) abseilen oder überquere eine kleine Schlucht an einem (vorher selbst gebauten) „Flying Fox“ (ihr könnt mal nachschauen was das ist), nur um einen Kick, eine Herausforderung (Challenge) im Management zu haben.

Das alles ist zwar spannend, macht zum Teil auch Spaß, aber es ist auch eine großes organisatorisches Unterfangen.

Eine ebenso große Herausforderung dachte ich – und leichter zu organisieren – wäre ein Trip nach Kairo. Aufgabe: eine Hauptstraße überqueren. Das ist eine Herausforderung! Nervenkitzel!  Nicht ungefährlich, die rasen wie verrückt und langsamer zu machen oder sogar an das Anhalten, denkt keiner (ist eigentlich ja auch nicht möglich). An der Straßenseite liegen zum Teil halbe Autos, wo die andere Hälfte war habe ich nie herausgefunden. 

Mittendrin im brausenden Verkehr steht auch ein Polizist, bewegt die Arme und pfeift ab und zu. Ich kann zwar nicht erkennen was dieses Pfeifen bewirkt oder ob sich jemand daran hält, ich habe das Gefühl es ist eher um zu demonstrieren: Hey, Hallo, ich bin auch noch da und wichtig! 

Das wäre jetzt eine sehr schöne Schleife zum Managementtraining, da gibt es auch solche Funktionen. 

Jungs, die Wasser und etwas zu Essen verkaufen, stehen auch in diesem Verkehrsstrudel, ich frage mich wie sie ihre Waren an den Mann bringen? 

Übrigens, auch wenn ich mutig genug gewesen wäre bei so einem Verkäufer mitten auf der Straße stehenzubleiben, gegessen hätte ich da wirklich nichts. 

Fleißig habe ich mich an die Regel gehalten schon zwei Wochen vor meinem Besuch jeden Tag Joghurt zu essen. Ansonsten ist die Empfehlung schon am Morgen auf nüchternen Magen einen Cognac zu trinken, um ohne die Rache des Pharaos durch diesen Trip zu kommen.

Hat auch immer geklappt, nur einmal nach einem Trip auf der Weiterreise nach Saudi war es etwas kritisch.

Ok, geschafft, Hohenzollernstraße überquert, vorbei an gelben Müllsäcken, die werden ja hoffentlich heute alle abgeholt, sonst ist das wirklich ein Hindernislauf. 

Die Straße runter, rechts in die Ebersteinstraße, am Plätzle ist der Bäcker. 

Leer, also Maske auf, rein.

Es gibt drei Laugenweck im Sonderangebot, „die nehm‘ ich mal und noch einen Nordstadtweck (wir sind hier in der Nordstadt) und jetzt noch etwas mit Körner“.

„Sonnenblumen, Kürbis Saat?“, „egal, ich esse das sowieso nicht, irgendeinen.“

„Ach und geben sie mir bitte noch ein Stück Rhabarberkuchen, zum Nachmittagstee für meine Mutter“

Ich bestelle noch viermal ein Pfund Nudelteig, einen für mich und drei für meine Französischlehrerin in Konstanz.

Wie heißen sie nochmal? 

Ich sage meinen Namen (der hier gleich verstanden wird; im Rest von Deutschland ist das nicht so, was ich noch nie verstanden habe).

„Ach ja,“ sagt sie.

Wir (die Bäckersfrau und ich) schwätze no a bissle, ja klar, im breitesten Dialekt. Ich habe ja auch so bestellt, (I krieg no an Nordstadtweck)

Sen se dies Johr scho im Urlaub gwä? (waren sie dieses Jahr schon im Urlaub?) Noi (Nein), Mir gehn im Sommr in Doskana (Wir gehen im Sommer in die Toskana)

Auschee! (Oh, wie schön)

Das klingt doch wunderbar, zumindest für mich

Auf dem Heimweg, wieder auf der Sonnenseite an den Müllsäcken vorbei, frage ich mich, was ist eigentlich Heimat? Das fragt man sich ja von Zeit zu Zeit immer mal wieder.

Ich denke, es hat auch sehr viel mit Sprache zu tun, es kostet mich keine Anstrengung, auch keine unbewusste, ich rede eben so, wie mir der Schnabel gewachsen ist.

I schwätz halt wie’d Leit un di verschtehn mi, alle! Sogar die Ausländer, die koine me sin, weil se scho do gebore sin. Eihoimische äbe, und keiner sagt hier Migrationshintergrund, das ist was für Berliner und Hochdeutsche.

Sprache kann man eben immer mitnehmen und auch wenn man in fremden Zunge unterwegs ist, wie Englisch, Hochdeutsch oder Französisch, man ist in seiner Mundart  (das „art“ könnte für Kunst stehen) in seinem Dialekt immer dahoim, egal wo man sich auf dieser Welt aufhält.

https://youtu.be/6pR1cVgk7Is  und von Alex Capus „Patriarchen“

Ich wünsche euch einen polyglotten Sonntag.

Gebt weiterhin auf euch acht, wo immer ihr auch gerade seid.

Lieben Gruß vom See

Papa/Eckhard

2 Kommentare

  1. Bea Petri

    schöne geschichte und die musik dazu – klasse! danke lieber ecki

  2. Jean-Pierre Kunz

    Ein schöner „Road-Movie“ für den Sonntag-Morgen-Gruss, JP

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