Meine Lieben,
Himmel blau, die Sonne scheint, ich sitze draußen beim Frühstück.
Die Ruhe wird nur ein wenig gestört, weil es immer wieder rumpelt, wenn die „Entrümpler“ etwas in den aufgestellten Container werfen.
Meine Nachbarn ziehen nach 35 Jahren aus, d.h. sie sind eigentlich schon weg, in der großen Stadt, in der man im Alter dann besser – oder sagen wir einfacher – als auf der Höri, leben kann. Ob es auch schöner ist?
Auch wenn man das Wesentliche mitgenommen hat, bleibt doch eine ganze Menge Leben zurück und das wird jetzt entrümpelt.
Ich schau mal ab und zu runter, was die das so alles wegwerfen.
Mein Gott, Entrümpler wäre kein Beruf für mich, wahrscheinlich würde ein großer Teil bei mir und nicht im Container landen. Ich bin ein sehr, sehr schlechter „Wegwefer“!
Ich bewahre eigentlich fast alles auf, Hosen, so viel kann ich gar nicht abnehmen, dass die nochmal passen, Hemden mit Kragenweite 39 werden auch langsam über der Brust eng, Pullover „die kann man immer noch für daheim rum brauchen.
Mein Zimmer steht voll mit „Kruscht“, was heißt hier Kruscht!
Alles Erinnerungen!
Ein Buddah, vom Markt in Salo von anno Tobak, ich glaube das war in den 70ern. Ich habe immer noch den Ledergürtel von damals und der ist noch ok, finde ich, trage ich zu meinen Jeans, naja jetzt trage ich die Jeans lieber mit Hosenträgern, das ist nämlich unheimlich bequem.
Ein Krokodilkopf aus Afrika – also es war ein Babykrokodil-, das Model eines Hippie VW Bus, Marke Bully (unerfüllte Träume), eine Sanduhr vom Markt in Bardolino, eine Wasserpfeife aus Saudi, eine Kette mit unechten Glassteinen aus Griechenland, ein Fez. Ein Zebra aus Draht und zwei Giraffen, (also Miniatur)- beides habe ich in Afrika geschenkt bekommen.
Irgendwo habe ich sogar noch eine Qamis und eine Guthra mit schwarzer Kordel. Das ist dieses lange Gewand und dieses rot weiß karierte Tuch, das man am Kopf trägt, ich glaube ich habe es auch in Saudi oder vielleicht auch im Oman geschenkt bekommen.
Es steht auch noch eine große Kiste hinter dem Sofa in meinem Zimmer, mit allem möglichen, von überall, Unnötigem drin.
Unnötige Sachen behält man meiner Ansicht nach sowieso für ewig.
Im Bad habe ich auch in der unteren Schublade einen sehr, sehr farbigen Schal, nicht so lang wie man das heute trägt und auch nicht so breit ich würde sagen 15 cm breit und 110 cm lang ( habe ich nachgemessen).
Diesen Schal hat mir meine Schwester geschenkt als ich 1968 bei ihr in Paris war! Ihn habe ich jahrelang getragen, hauptsächlich auch beim Skifahren. Ich bin eigentlich immer in Jeans Pullover und eben mit diesem Schal gefahren. Am unteren Ende hat er eine kleines Brandloch von einer Zigarette, aus Rauchertagen, könnte auch sein, dass bei einer rasanten Skiabfahrt etwas Glut von der Zigarette sich im Schal eingenistet hat.
Heute liegt der Schal in meinem Waschbeckenbadezimmerunterschrank (was für ein herrliches langes Wort, und jeder weiß jetzt genau, wo das ist).
Übrigens finde ich die ganzen Abkürzungen sowieso unsinnig, die deutsche Sprache drückt in der Regel alles nämlich immer sehr genau aus. Eine Kindertagesstätte ist eben ein Ort wo Kinder den Tag über sind, das erklärt doch viel mehr als Kita.
Warum sagt man eigentlich dann nicht Buta für Bundestag? (Vielleicht weil dort die vermeintlich wichtigeren sind als in der Kita)
Zurück zum bunten Schal. Er liegt also in dem besagten Unterschrank bei Erkältungsbädern, Kopfwehtabletten, Fieberthermometer und was man eben sonst noch so in einer Hausapotheke hat.
Der Schal hat eine Metamorphose durchgemacht, aus einem ganz normalen Galerie Lafayette Schal hat er sich über einen Skifahrschal zu einem Zauberschal gewandelt.
Beim kleinsten Anzeichen von Halsschmerzen: vor dem Schlafengehen den Schal um den Hals gewickelt und das Halskratzen ist am nächsten Morgen weg!
Für diese Zwecke wird er inzwischen von der ganzen Familie benutzt, sogar meine Enkel haben schon herausgefunden, dass er wirklich heilen kann, eben ein Zauberschal.
Jetzt überlegt mal, wenn ich den „entsorgt hätte“!
Was hätte ich verpasst!
Und so geht das mit vielem, ich habe unglaublich Schwierigkeiten irgendetwas zu entrümpeln, zu entsorgen.
Ich habe immer das Gefühl irgendetwas aus meinem Leben geht mir verloren. Aus den Augen aus dem Sinn, es wird in die unteren Gewölbe des Gehirnes verbannt.
Behält man es aber und schaut es ab und zu an, kann man es da unten viel leichter ausgraben. Das wunderbare ist, dass dann alle möglichen Erinnerungen mit nach oben getragen werden und kleben so an mir wie an diesen „unnötigen“ Gegenstände.
Zum Schal fällt mir jetzt noch etwas ein, aber das hebe ich mir jetzt für eine andere Geschichte auf, sonst wird das für einen Sonntagmorgen zu lang.
Ihr sollt ja auch den Tag und ein paar eigene Erinnerungen genießen.
Lieben Gruß vom See,
gebt auf euch acht.
Papa/Eckhard


lieber ecki – deine texte sind wie songs gegen das hadern – danke ganz herzlich über den see – thomi