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Orakel

Meine Lieben,

es war schon fast Tradition, am Samstag nach der Rückkehr aus der großen Stadt gab es Weißwürste, logischerweise mit süßem Senf, Brez’n und Weißbier im Garten (wenn das Wetter mitmachte). Ach so, natürlich auch einen Radi dazu. Vor meiner Münchner Zeit hatte ich nie Weißwürste gegessen und Weißbier kannte man 1981 nur, glaube ich, in Bayern. Zumindest ich kannte es nicht.

Kürzlich an einem schönen Samstagvormittag am See gab es am Steg eben genau dieses. Klar, das war dann ein Muß und Brunello war sofort auch damit einverstanden, denn die Haut der Wurst und unter Umständen sogar eine halbe Wurst, das war sein Ding.

Und wie der Herr Fontane ehemals meinte: „Das Leben ist Gott sei Dank kein Tummelplatz großer Gefühle, sondern eine Alltagswohnstube, in der das sogenannte Glück davon abhängt, ob man friert oder warm sitzt, ob der Ofen raucht oder einen guten Zug hat.“ Und an diesem Samstag war mein sogenanntes Glück eben diese Weißwurst, die Brez’n und ein Weißbier, genau das!

Am Nachbartisch machte ein Tourist ein paar flotte Sprüche und ich habe sofort am Dialekt gemerkt, daß er aus meiner Gegend stammt. Die Stuttgarter, die in der Regel den See bevölkern, reden nämlich anders. Überhaupt stellt sich immer wieder die Frage, wessen See ist das jetzt?!

Ich denke, der See gehört niemandem und damit auch wieder allen. Bei der Welt ist das ja auch so, auch wenn das einige vielleicht nicht sehen wollen, aber grundsätzlich gehört sie eben doch allen, die hier einige Zeit ihres Lebens verbringen.

Neulich sprach mich ein Bekannter auf das Philosophieseminar an, welches ich vor einigen Wochen besuchte, und fragte mich, ob ich nicht einige meiner Erkenntnisse mit ihm teilen könne. Im Austausch würde er dann dem Orakel von Delphi, wenn er im Sommer dort wieder in der Gegend sei, eine Frage von mir stellen und mir die Antwort überbringen. Jede Frage, egal was ich auch immer auf dem Herzen hätte.

Das klingt natürlich verlockend, aber so einfach ist das anscheinend nicht, der Krösus hat damals die Phytia auch falsch verstanden und dann SEIN Reich anstelle des Persischen vernichtet. Die Götter nehmen uns das Denken eben nicht ab und wahrscheinlich wollen sie uns mit dem Orakel eher dazu anregen, nochmals in uns zu gehen, sich Gedanken zu machen, eine Nacht darüber zu schlafen, bevor wir wichtige Entscheidungen treffen. Das ist in den meisten Fällen angebracht, man sieht ja zurzeit allenthalben, wohin Gedankenlosigkeit führen kann.

Übrigens habe ich in „Krieg und Frieden“ vom Herrn Tolstoi in der deutschen Übersetzung von Barbara Konrad (die empfehle ich, wenn ihr euch dazu entschließt) wieder mal einen wunderbaren Satz gefunden, der auch so ein bißchen in die Richtung geht: „Tout vient à point celui qui sait attendre“ (Alles kommt zur rechten Zeit, für den, der warten kann).

Nichts überstürzen, warten, nachdenken, dann wird das meist schon.

Und so mäandern die Erkenntnisse des Seminars ein wenig durch meinen Kopf, streichen an der Seele entlang und irgendwann fällt es dann einem wie Schuppen von den Augen und man hat verstanden. Wann, das soweit ist? Das merkt man dann schon, es ist einfach da!

Ich wünsche euch einen gleichmütigen Sonntag,
paßt auf euch auf, haltet zusammen und streitet nicht.

Lieben Gruß aus London
Euer Eckhard/Papa/Opa

P. S. Eine Auswahl der Sonntagsgedanken als Taschenbuch bekommt ihr unter ISBN 978 376 9311 006 und ISBN 978 369 5178 643.

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