Meine Lieben,
auf der Autobahn, Rückfahrt vom Besuch bei meinen Enkeln, dreispurig, viel Verkehr, es geht über die Rheinbrücke, auf der rechten Fahrbahnseite kann ich über das Geländer schauen, auf den Rhein, ein Schiff, beladen, fährt rheinabwärts.
Ist das schön, langsam durchs Wasser pflügen, die Motoren wimmern leise, ich sehe das Ufer rechts und links, jetzt über mir eine Brücke. Mein Gott, wie viel Verkehr dort oben!
Die Autobahn wird zweispurig, ich biege ab.
Wie das wohl ist, wenn man auf so einem Schiff fährt, vielleicht stelle ich mir das viel zu romantisch vor.
Aber abends, nachdem man angelegt hat, in der kleinen Wohnstube auf dem hinteren Deck.
Ja, da ist’s gemütlich. Etwas spartanisch eingerichtet, aber alles, was man braucht, ist da.
In Wiesbaden gab es einen kleinen, man kann sagen Tante-Emma-Laden, der hatte ein Schild über der Tür: „Wir haben alles, das du brauchst, und was wir nicht haben, brauchst du nicht!“
Ich bin ein Sammler, nicht nur von Erinnerungen, auch von Gegenständen, die damit verbunden sind, aber ich glaube, sie erdrücken uns manchmal.
Warum nicht auf einem Rheinschiff davon fahren, alles, was man braucht, hat man dabei und mehr gibt es einfach nicht, nichts lenkt dich ab, du kannst in dich hineinschauen, mit dir selbst spazieren gehen. Man verliert die Zeit durch das Rennen, irgendwie ist man dauernd auf der Flucht, wahrscheinlich vor sich selbst, weil man ohne alle diese Ablenkung nichts mehr mit sich anzufangen weiß.
Ich denke, wir haben vielleicht zu viel, werden erschlagen vom Lärm der Dinge, die wir nicht wirklich brauchen. Diese Dinge sagen, räum mich auf, staub mich ab, trage mich, sagt die Hose, alle Gegenstände verlangen etwas von uns.
Ich weiß gar nicht, wie viele Jacketts und Hosen aus meinem früheren Leben bei mir noch in den Schränken hängen. Da ich überzeugt bin, daß alle Dinge eine Seele haben, ist es dann richtig, diese ehemaligen in der Isolationshaft zu halten?
Naja, wahrscheinlich reden sie über vergangene Zeiten.
„Weißt du noch, wie elegant ich auf der Bühne stand?“, sagt der schwarze Blazer zum braunen Zegna-Jackett links neben ihm. „Gib nicht so an“, meint dieses, ich war wenigstens bei wichtigen Verhandlungen dabei. „Also bitte!“, meinen die drei grauen Hosen, links von Herrn Zegna, „ohne uns würdet ihr ja ganz schön dumm dastehen!“
Betreten schweigen die Jacketts und versprechen, sich nur noch flüsternd zu unterhalten, um nicht diese unverschämten Kommentare der Hosen anhören zu müssen. Im Bord über der Kleiderstange kichern die Krawatten und. Fliegen, sie amüsieren sich gemeinsam mit den eleganten Einstecktüchern über diese Konversation. Der graue Anzug mit dem dezentem Fischgrätenmuster verdreht nur leicht die nicht vorhandenen Augen und denkt sich, ich bin ja doch der Schönste, laß die nur reden.
Manchmal stell’ ich mir vor, einfach ein wenig kleiner zu leben, beschränkter, nur mit dem, was unbedingt nötig ist. Die Liebsten ab und zu um mich, ein Anruf von einem alten Freund, nur so, der dir sagt, daß er froh ist, daß du immer noch da bist, du bist glücklich, weil jemand an dich denkt.
So sitze ich nun in der kleinen Wohnstube auf dem hinteren Deck, die Wellen schlagen leicht an die braune Bordwand, die Lampe schaukelt ein wenig und ihr warmes Licht ist wie ein Leuchtfeuer, das mir den Weg zeigt, meine Welt ist ganz friedlich, egal, was auch immer da draußen an Schrecklichem passiert.
Ich wünsche euch einen friedvollen Sonntag,
streitet nicht (das tun schon genug andere auf dieser Welt), haltet zusammen und
paßt auf euch auf.
Lieben Gruß vom See
Euer Eckhard/Papa/Opa


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