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Meine Lieben,

„Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege …“ – „Der Januar“ von Erich Kästner ist eines meiner Lieblingsgedichte. Sucht es euch bitte im Internet, es lohnt sich, es am Anfang eines jeden Jahres zu lesen.

Ihr habt das hoffentlich alle gut angefangen, euch entsprechende Gedanken gemacht, was alles besser werden soll, und habt euch, diesmal ernsthaft, vorgenommen, euch an eure Vorsätze zu halten.

Was ich mir vornehme? Ach Gott, alles Mögliche, aber nichts mehr so Großes, wo ich mich s…mäßig anstrengen müsste. Meine Zeit nutzen, so wie ich es für richtig halte, Verständnis für alles Mögliche zeigen, das heißt, einfach großzügig zu sein.

Wenn ein neues Jahr beginnt, wollen wir gerne alles neu beginnen, das ist gut, oft aber beschränkt sich diese Neugier auf Gewohnheiten und Wiederholbares, wie oft checken wir täglich unsere E-Mails.
Wirklich Neues und Wesentliches entdeckt man meist nicht.

In diesem neuen Jahr will ich mich nicht wieder in der Zeitfalle verlieren, vieles beginnen und wenig zu Ende führen, vielleicht soll ich mich an Alfred North Whitehead halten: „Das Ziel unserer Existenz ist überhaupt zu leben, zweitens gut zu leben und drittens noch besser zu leben.“

Man unterschätzt auch die Strukturen, die uns halten und uns Richtung geben, auch wenn sie nicht immer selbstbestimmt sind.

Manchmal frage ich mich, leben wir zu schnell, wollen wir zu viel?

Vielleicht ist es wichtig, Zeit auszuhalten, denn es besteht die Tendenz, jedes Zeitfenster auszunutzen.
Anstatt bei einer Zugfahrt aus dem Fenster zu schauen und die vorbeifliegende Landschaft zu bestaunen, aktivieren wir zwanghaft das Smartphone, und am Abend zappen wir durch meist nichtssagende, seichte Fernsehprogramme, wir haben Mühe, Zeit einfach Zeit sein zu lassen.

Nach Heidegger bekommt das Sein erst einen Sinn durch das Nichtsein. Wenn man sich das bewusst macht, wird man gelassener und ein gelassener Mensch akzeptiert sich, seine Aktivität und Passivität als einen Teil des eigenen Selbst.

Also, so soll das sein im neuen Jahr, gelassener und alles in Ruhe angehen und ach ja, noch etwas …

Als ich am letzten Sonntag in der Sonne auf der Bank vor dem Haus saß, eingewickelt in eine warme Decke, und über das verschneite Dorf auf den See und das gegenüberliegende Ufer sah, da kam mir wie so oft der Herr Schiller in den Sinn: „Er stand auf seines Daches Zinnen / und schaute mit vergnügten Sinnen / auf das beherrschte Samos hin. / Dies alles ist mir untertänig, / begann er zu Ägyptens König, / gestehe; daß ich glücklich bin.“

Das mit dem untertänig stimmt in diesem Sinne zwar nicht, aber das mit dem glücklich sein ist schon so. Immer in diesen Situationen, wenn ich über die Dächer blicken kann und die Unendlichkeit sich mir entgegenstreckt. Dieses Glücksgefühl ist es, was unser Leben wahrscheinlich ausmacht.

… und ich lese noch immer Tolstoi: „(…) so gleitet die Wolke über diesen hohen, unendlichen Himmel.
Wie konnte ich diesen hohen Himmel früher nicht sehen?
Und wie glücklich bin ich, dass ich ihn endlich erkannt habe.
Ja, alles ist eitel, alles ist Trug, außer diesem unendlichen Himmel.
Nichts ist da außer ihm – nichts.
Aber selbst er ist nichts als Ruhe, Stille und Frieden.“

Ich wünsche euch glückliche Zeiten,
paßt auf euch auf, streitet nicht
und haltet zusammen.

Lieben Gruß aus Hofheim


Euer Eckhard/Papa/Opa

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