{"id":52751,"date":"2026-06-07T00:24:00","date_gmt":"2026-06-06T22:24:00","guid":{"rendered":"https:\/\/sonntagsgedanken.de\/blog\/?p=52751"},"modified":"2026-06-07T07:13:18","modified_gmt":"2026-06-07T05:13:18","slug":"wunderbar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sonntagsgedanken.de\/blog\/2026\/06\/07\/wunderbar\/","title":{"rendered":"Wunderbar"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine Lieben,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">ich wei\u00df nicht, warum, aber wenn ich Franz\u00f6sisch h\u00f6re, dann packt mich ein Gef\u00fchl, das ich kaum beschreiben kann. Franz\u00f6sisch ist f\u00fcr mich keine Sprache wie Englisch, das spreche ich recht gut, Franz\u00f6sisch verstehe ich zwar fast alles, aber beim Sprechen fehlen mir wegen mangelnder \u00dcbung die Worte. (Vielleicht sollte ich dagegen etwas tun.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Gef\u00fchl, das mich \u00fcberf\u00e4llt und das ich nur schwer beschreiben kann, hat zu tun mit Traurigkeit oder besser Melancholie, Freude, Freiheit, Jugend, Sonne, Meer, Gauloises, Paris, Bretagne, Rillettes, P\u00e2t\u00e9 \u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Herz \u00f6ffnet sich und die Seele will fliegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich fliege davon, wohin? Keine Ahnung, irgendwohin und nirgendwohin, ein bi\u00dfchen bedauere ich, da\u00df ich schon so alt bin, aber nur ein bi\u00dfchen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich will doch noch so vieles gerne unternehmen, aber einiges geht einfach nicht mehr.<br>Ich mu\u00df \u2013 mu\u00df! \u2013 auf jeden Fall nach Frankreich, nach Paris, mit der Metro umhergondeln, alles nochmal anschauen, mich ans Meer setzen, Cr\u00eapes essen und mein Leben hinwegtr\u00e4umen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wahrscheinlich stimmt das doch, was Hemingway gesagt hat: \u201eWenn du das Gl\u00fcck hattest, als junger Mensch in Paris zu leben, dann tr\u00e4gst du die Stadt f\u00fcr den Rest deines Lebens in dir, wohin du auch gehen magst, denn Paris ist ein Fest f\u00fcrs Leben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich war 17, als ich einige Zeit alleine in Paris war, mein Geld am Flipperautomaten verzockte, mit einem Bekannten, den ich in der Alliance Francaise (das war die Schule) kennenlernte \u2013 er war schon 19 und hatte einen alten Renault R4, mit dem wir zum Mont Saint-Michel fuhren. An einem Tag hin und zur\u00fcck. Auf dem R\u00fcckweg hat der R4 den Geist aufgegeben, ein freundlicher Lkw-Fahrer hat uns mitgenommen. Gegen 3 Uhr morgens waren wir wieder in der Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An der Seine, unterhalb der Pont Neuf, sa\u00dfen wir nach der Schule, haben gequatscht, auch manchmal ein Schl\u00fcckchen Rotwein getrunken, nat\u00fcrlich hat ein Baguette auch nicht gefehlt. Nein, ich glaube keinen Wein (klingt aber gut, dieses Klischee). Viel geraucht, Gauloises, die Blauen, die blieben dann die meinen, bis ich mit Mitte 30 das Rauchen aufgab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">War \u00fcbrigens nicht so einfach, die Blauen in den sp\u00e4ten Sechzigern in Deutschland zu bekommen. Da in Pforzheim eine franz\u00f6sische Garnison stationiert war, konnte man sie dort<br>ergattern. Sp\u00e4ter gab es sie ja an jedem Automaten. Heutzutage sind sie, glaube ich, von der Bildfl\u00e4che verschwunden. Ich habe \u00fcbrigens noch ein P\u00e4ckchen, 19 St\u00fcck sind da drin, Preis steht auch drauf: DM 3,60. Irgendwann probier ich mal eine!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als am 21. August 1968 Soldaten des Warschauer Paktes aus der Sowjetunion, Polen, Ungarn und Bulgarien in die \u010cSSR einmarschierten, um den sogenannten Prager Fr\u00fchling zu zerschlagen, den Alexander Dub\u010dek initiiert hatte, war ich nat\u00fcrlich bei der Demo gegen diese Aggression in Paris dabei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Carnet, das waren 10 Tickets f\u00fcr die Metro, hatte ich immer in der Tasche, und manchmal war ich mehr im Untergrund als an der Oberfl\u00e4che. Aber so ist das auch in der Wirklichkeit, man mu\u00df immer tief in sich graben, um alles, was wichtig ist, zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Untergrund, die Hektik, die vielen unbekannten und doch irgendwie bekannten Gesichter, der L\u00e4rm der Metro, wenn sie einfuhr, einmalig. Wenn es am Morgen auf dem Weg zur Schule noch k\u00fchl war, dann geno\u00df ich die warme Luft aus den Metrosch\u00e4chten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So im Nachhinein war es eine der wunderbarsten Zeiten meines Lebens. Das mit dem Wunderbar stellt man nat\u00fcrlich immer erst viel sp\u00e4ter fest.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Hier und Jetzt ist man so sehr mit Leben besch\u00e4ftigt, da\u00df man nicht immer Zeit und Sinn f\u00fcr die Sch\u00f6nheit und Einmaligkeit des Daseins hat. Wahrscheinlich werde ich auch feststellen, da\u00df alles irgendwie gut war, sogar das, was einmal, auf den ersten Blick, nicht so gut war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie hat die Mutti in ihren letzten Tagen im Krankenhaus zu mir gesagt: \u201eHeul jo net, i hab a guts Lebe g\u2019het.\u201c Wenn man dann bedenkt, was sie alles durchmachte, Krieg, Angriff in Pforzheim, kurz vor Kriegsende, mit unz\u00e4hligen Toten. Ungeplante Schwangerschaft, ein Kind, Scheidung 1952, da war das noch etwas Au\u00dfergew\u00f6hnliches, und alleinerziehend war eher ein Makel, nicht so, wie man das heute betrachtet.<br>Als ich vier Jahre alt war, hat sie wieder geheiratet.<br>\u00dcber Jahre die Oma, ihre Schwiegermutter, die bettl\u00e4gerig war, gepflegt, meine Stiefgeschwister mit erzogen, den \u00c4rger mit mir in der Schule und was ich sonst noch f\u00fcr Dummheiten gemacht habe, dar\u00fcber wollen wir jetzt nicht reden, und trotzdem sagt sie zu mir in ihren letzten Tagen: \u201eI hab a guts Lebe g\u2019het, heul jo net!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann hat sie meine Hand genommen, gedr\u00fcckt: \u201eWarsch an brave Bu.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was will ich mehr!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed aligncenter is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"LYRICS Edith PIAF  Hymne \u00e0 l&amp;apos;amour  1950\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/MyQj-DQ9xmk?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>und zum Lesen \u201eEin Fest f\u00fcrs Leben\u201c (Hemingway).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich w\u00fcnsche euch einen wunderbaren Sonntag.<br>Streitet nicht, haltet zusammen und pa\u00dft auf euch auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lieben Gru\u00df vom See<br>Euer Eckhard\/Papa\/Opa<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">P. S. Eine Auswahl der Sonntagsgedanken als Taschenbuch bekommt ihr bei Amazon oder auch unter ISBN 978 376 9311 006 und ISBN 978 369 5178 643 bei eurer Buchhandlung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Lieben, ich wei\u00df nicht, warum, aber wenn ich Franz\u00f6sisch h\u00f6re, dann packt mich ein Gef\u00fchl, das ich kaum beschreiben kann. Franz\u00f6sisch ist f\u00fcr mich keine Sprache wie Englisch, das spreche ich recht gut, Franz\u00f6sisch verstehe ich zwar fast alles, aber beim Sprechen fehlen mir wegen mangelnder \u00dcbung die Worte. (Vielleicht sollte ich dagegen etwas tun.) 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