{"id":52740,"date":"2026-05-10T00:51:00","date_gmt":"2026-05-09T22:51:00","guid":{"rendered":"https:\/\/sonntagsgedanken.de\/blog\/?p=52740"},"modified":"2026-05-09T21:53:59","modified_gmt":"2026-05-09T19:53:59","slug":"orakel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sonntagsgedanken.de\/blog\/2026\/05\/10\/orakel\/","title":{"rendered":"Orakel"},"content":{"rendered":"\n<p>Meine Lieben,<\/p>\n\n\n\n<p>es war schon fast Tradition, am Samstag nach der R\u00fcckkehr aus der gro\u00dfen Stadt gab es Wei\u00dfw\u00fcrste, logischerweise mit s\u00fc\u00dfem Senf, Brez\u2019n und Wei\u00dfbier im Garten (wenn das Wetter mitmachte). Ach so, nat\u00fcrlich auch einen Radi dazu. Vor meiner M\u00fcnchner Zeit hatte ich nie Wei\u00dfw\u00fcrste gegessen und Wei\u00dfbier kannte man 1981 nur, glaube ich, in Bayern. Zumindest ich kannte es nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>K\u00fcrzlich an einem sch\u00f6nen Samstagvormittag am See gab es am Steg eben genau dieses. Klar, das war dann ein Mu\u00df und Brunello war sofort auch damit einverstanden, denn die Haut der Wurst und unter Umst\u00e4nden sogar eine halbe Wurst, das war sein Ding.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wie der Herr Fontane ehemals meinte: \u201eDas Leben ist Gott sei Dank kein Tummelplatz gro\u00dfer Gef\u00fchle, sondern eine Alltagswohnstube, in der das sogenannte Gl\u00fcck davon abh\u00e4ngt, ob man friert oder warm sitzt, ob der Ofen raucht oder einen guten Zug hat.\u201c Und an diesem Samstag war mein sogenanntes Gl\u00fcck eben diese Wei\u00dfwurst, die Brez\u2019n und ein Wei\u00dfbier, genau das!<\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachbartisch machte ein Tourist ein paar flotte Spr\u00fcche und ich habe sofort am Dialekt gemerkt, da\u00df er aus meiner Gegend stammt. Die Stuttgarter, die in der Regel den See bev\u00f6lkern, reden n\u00e4mlich anders. \u00dcberhaupt stellt sich immer wieder die Frage, wessen See ist das jetzt?!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke, der See geh\u00f6rt niemandem und damit auch wieder allen. Bei der Welt ist das ja auch so, auch wenn das einige vielleicht nicht sehen wollen, aber grunds\u00e4tzlich geh\u00f6rt sie eben doch allen, die hier einige Zeit ihres Lebens verbringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Neulich sprach mich ein Bekannter auf das Philosophieseminar an, welches ich vor einigen Wochen besuchte, und fragte mich, ob ich nicht einige meiner Erkenntnisse mit ihm teilen k\u00f6nne. Im Austausch w\u00fcrde er dann dem Orakel von Delphi, wenn er im Sommer dort wieder in der Gegend sei, eine Frage von mir stellen und mir die Antwort \u00fcberbringen. Jede Frage, egal was ich auch immer auf dem Herzen h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das klingt nat\u00fcrlich verlockend, aber so einfach ist das anscheinend nicht, der Kr\u00f6sus hat damals die Phytia auch falsch verstanden und dann SEIN Reich anstelle des Persischen vernichtet. Die G\u00f6tter nehmen uns das Denken eben nicht ab und wahrscheinlich wollen sie uns mit dem Orakel eher dazu anregen, nochmals in uns zu gehen, sich Gedanken zu machen, eine Nacht dar\u00fcber zu schlafen, bevor wir wichtige Entscheidungen treffen. Das ist in den meisten F\u00e4llen angebracht, man sieht ja zurzeit allenthalben, wohin Gedankenlosigkeit f\u00fchren kann.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcbrigens habe ich in \u201eKrieg und Frieden\u201c vom Herrn Tolstoi in der deutschen \u00dcbersetzung von Barbara Konrad (die empfehle ich, wenn ihr euch dazu entschlie\u00dft) wieder mal einen wunderbaren Satz gefunden, der auch so ein bi\u00dfchen in die Richtung geht: \u201eTout vient \u00e0 point celui qui sait attendre\u201c (Alles kommt zur rechten Zeit, f\u00fcr den, der warten kann).<\/p>\n\n\n\n<p>Nichts \u00fcberst\u00fcrzen, warten, nachdenken, dann wird das meist schon.<\/p>\n\n\n\n<p>Und so m\u00e4andern die Erkenntnisse des Seminars ein wenig durch meinen Kopf, streichen an der Seele entlang und irgendwann f\u00e4llt es dann einem wie Schuppen von den Augen und man hat verstanden. Wann, das soweit ist? Das merkt man dann schon, es ist einfach da!<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed aligncenter is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe title=\"Bob Dylan - Corrina, Corrina (Official Audio)\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/66A5lrrl39E?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcnsche euch einen gleichm\u00fctigen Sonntag,<br>pa\u00dft auf euch auf, haltet zusammen und streitet nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Lieben Gru\u00df aus London<br>Euer Eckhard\/Papa\/Opa<\/p>\n\n\n\n<p>P. S. Eine Auswahl der Sonntagsgedanken als Taschenbuch bekommt ihr unter ISBN 978 376 9311 006 und ISBN 978 369 5178 643.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Lieben, es war schon fast Tradition, am Samstag nach der R\u00fcckkehr aus der gro\u00dfen Stadt gab es Wei\u00dfw\u00fcrste, logischerweise mit s\u00fc\u00dfem Senf, Brez\u2019n und Wei\u00dfbier im Garten (wenn das Wetter mitmachte). Ach so, nat\u00fcrlich auch einen Radi dazu. Vor meiner M\u00fcnchner Zeit hatte ich nie Wei\u00dfw\u00fcrste gegessen und Wei\u00dfbier kannte man 1981 nur, glaube ich, in Bayern. Zumindest ich kannte es nicht. 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