{"id":52720,"date":"2026-03-08T00:03:00","date_gmt":"2026-03-07T23:03:00","guid":{"rendered":"https:\/\/sonntagsgedanken.de\/blog\/?p=52720"},"modified":"2026-03-07T22:05:29","modified_gmt":"2026-03-07T21:05:29","slug":"urspruenglich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sonntagsgedanken.de\/blog\/2026\/03\/08\/urspruenglich\/","title":{"rendered":"Urspr\u00fcnglich"},"content":{"rendered":"\n<p>Meine Lieben,<\/p>\n\n\n\n<p>ich sitze am Schreibtisch, es ist ein sehr alter Schreibtisch, mein Vater hat, so sagt man, an ihm seine Doktorarbeit geschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe ihn schon sehr, sehr lange. In meiner ersten Ehe haben wir ihn hellgr\u00fcn gestrichen, wer jetzt auf diese verr\u00fcckte Idee kam, kann ich nicht sagen. Aber wir waren 23 Jahre alt, da hat man manchmal solche Einf\u00e4lle! Gabi hat an diesem Schreibtisch ihre Lehramtspr\u00fcfung vorbereitet, und da der Schreibtisch schon an entsprechende intellektuelle Arbeiten gew\u00f6hnt war, siehe den Satz vorher, war auch das erfolgreich.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie der Alfred (s. \u201eBeste Freunde\u201c vom 20. M\u00e4rz 2022) ist er mit mir durch die Welt gezogen, nicht \u00fcberall hin, aber einige Pl\u00e4tze haben wir doch zusammen erobert. Seit fast 14 Jahren steht er jetzt mit Blick auf den See in meinem B\u00fcro, manchmal sage ich auch Herrenzimmer, weil bei uns zuhause hie\u00df das Herrenzimmer. In ein Herrenzimmer geh\u00f6rt jedoch eine Couch zum Entspannen, ich habe nur ein kleines Zweier-Sofa bei mir stehen und das wird eher als zus\u00e4tzliche Ablage benutzt. Ergo, kein richtiges Herrenzimmer, im n\u00e4chsten Haus kommt da eine Couch rein, definitiv, dann wird das ein richtiges, echtes Herrenzimmer!<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck zum \u201eJetzt\u201c, ich sitze am Schreibtisch auf einem roten, ehemaligen Esszimmerstuhl, es ist n\u00e4mlich gar nicht einfach, an ihm entsprechend zu sitzen, weil so richtige ergonomische Ma\u00dfe hat der Schreibtisch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem finde ich ihn auch etwas zu klein f\u00fcr mich.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Ehefrau w\u00fcrde jetzt bestimmt sagen: \u201eDer ist nicht zu klein, du hast nur zu viel Kruscht auf ihm und mu\u00dft dann deinen Laptop zwischen Fotos vom Opa, deiner Mutter, der gesamten Familie, Theo mit mir, zwei Golfb\u00e4llen (unbenutzt), einer Glaskugel aus Murano, mehreren kleinen Schildkr\u00f6ten aus Holz, Keramik und Stoff (Letztere hat ein Ma\u00dfband im Bauch versteckt), Visitenkartenst\u00e4nder, Locher, Bleistiftspitzer, B\u00fcchern, die du gerade lesen willst, und einem riesigen Ordner (mit der Aufschrift \u201ezu erledigen\u201c), einen kleinen Lautsprecher, eine Aufbewahrungsschale (aus Portugal) f\u00fcr Schreibutensilien und ein Ladeger\u00e4t zwingen. \u2013 Da k\u00f6nnte ich nicht arbeiten!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hat ja Recht, aber hinter mir auf dem Sideboard stehen die ganzen Devotionalien von meinen Reisen und rechts neben mir ist eine Bibliothek \u00fcbervoll und auf den Ausziehschubern liegen alle m\u00f6glichen B\u00fccher, das kleine Sofa ist, wie gesagt, auch belegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ok, der Schreibtisch ist inzwischen nicht mehr gr\u00fcn, sondern wieder im Original, also braun. Hier und da sieht man noch, da\u00df er vor langer Zeit mit Farbe verschandelt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schaue durchs Fenster, der Schreibtisch hat, wie gesagt, Blick auf den See, blo\u00df heute ist da kein Blick, der Nebel ist undurchdringlich. Die Sonne versucht aber, sich Raum zu schaffen, und ich bin sicher, da\u00df ich mich heute Nachmittag auf die Bank vor dem Haus, um genauer zu sein, auf der R\u00fcckseite des Hauses, in die Sonne setzen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte gerade den zweiten Band von Tolstois Krieg und Frieden aufgeschlagen, seit Tagen fiebere ich schon, ihn zu beginnen, aber die Zeit hat mir gefehlt, aber das kennt man ja, da\u00df man oft nicht zu dem kommt, was man sich so gerne w\u00fcnscht.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl, die Zeit ja eigentlich nicht fehlen kann, die ist immer da!<\/p>\n\n\n\n<p>In Gedanken, nach den ersten zwei Seiten im Buch, blickte ich auf, schaute auf die Nebelwand, konnte den See noch nicht sehen, den Blick zur\u00fcck auf den Schreibtisch und da kamen irgendwo her all diese Erinnerungen, wie er in der Dillsteiner Stra\u00dfe stand, gr\u00fcn angestrichen, wie ich ihn dann sp\u00e4ter, ich denke, es war gemeinsam mit Regina, ihn wieder in das urspr\u00fcngliche Braun verwandelte. Weiter mit mir in die Schweiz, zur\u00fcck nach Deutschland, soda\u00df wir jetzt zusammen seit vielen Tagen am See sitzen.<\/p>\n\n\n\n<p>K\u00fcrzlich hatte ich w\u00e4hrend einer Geburtstagsfeier eine sehr angenehme Unterhaltung, irgendwie ging es um Kindheit und Sehns\u00fcchte und, da\u00df man vielleicht im Alter wieder gerne \u201eheim\u201c m\u00f6chte, alles ist einfacher, die Umgebung, die Menschen, die Sprache.<\/p>\n\n\n\n<p>Wahrscheinlich ist der Schreibtisch \u2013 hat er einen Namen? \u2013 auch froh, wieder in der urspr\u00fcnglichen Farbe zu sein, alle oben beschriebenen Dinge auf seinem R\u00fccken zu sp\u00fcren, inklusive meiner Arme, und er freut sich bestimmt, da\u00df er mir immer und immer wieder neue Gedanken einhauchen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Gut so!<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed aligncenter is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-4-3 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe title=\"The Journeymen - 500 miles [Original Version] (1961)\" width=\"500\" height=\"375\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/9cgQJzJsM5U?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcnsche euch einen nat\u00fcrlichen Sonntag.<br>Pa\u00dft auf euch auf, streitet nicht und<br>haltet zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Lieben Gru\u00df vom See<br>Euer Eckhard\/Papa\/Opa<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Lieben, ich sitze am Schreibtisch, es ist ein sehr alter Schreibtisch, mein Vater hat, so sagt man, an ihm seine Doktorarbeit geschrieben. Ich habe ihn schon sehr, sehr lange. In meiner ersten Ehe haben wir ihn hellgr\u00fcn gestrichen, wer jetzt auf diese verr\u00fcckte Idee kam, kann ich nicht sagen. Aber wir waren 23 Jahre alt, da hat man manchmal solche Einf\u00e4lle! 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