{"id":52493,"date":"2024-09-08T09:16:26","date_gmt":"2024-09-08T07:16:26","guid":{"rendered":"https:\/\/sonntagsgedanken.de\/blog\/?p=52493"},"modified":"2024-09-08T09:16:27","modified_gmt":"2024-09-08T07:16:27","slug":"chronos-und-kairos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sonntagsgedanken.de\/blog\/2024\/09\/08\/chronos-und-kairos\/","title":{"rendered":"Chronos und Kairos"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine Lieben,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">es ist Samstag, in Hofheim auf der Terrasse schaue ich \u00fcber die Altstadt, aber auch immer wieder auf meine Uhr.<br>Mit einem silberfarbigen Fix-O-Flex Band umschlie\u00dft sie meinen Arm. Der Corpus ist in derselben Farbe, das Zifferblatt schwarz. Die Sechs und die Neun sind Zahlen, die anderen Striche und der Zw\u00f6lfer ist ein Dreieck, dessen Spitze zur Uhrenmitte zeigt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Drei gibt es nicht, also es gibt sie schon, aber wo sie normalerweise stehen sollte, ist der Kalender.<br>Die Zahlen des Kalenders sind rot.<br>Die Striche, das Dreieck und die Zahlen leuchten des nachts; also inzwischen relativ schwach, aber die werden ja auch \u00e4lter.<br>Die Uhr hei\u00dft Foresta, nichts Ber\u00fchmtes, kommt aus meiner Heimatstadt, deswegen wahrscheinlich Foresta wie (Schwarz-)Wald; kann aber auch sein, da\u00df das von F\u00f6rster kommt, so hie\u00df n\u00e4mlich die Manufaktur.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Uhr ist mindestens 60 Jahre alt oder vielleicht sogar noch ein bisschen \u00e4lter. Ich war so zwischen 12 und 14 Jahre als sie mir das erste Mal bewusst auffiel.<br>Mein Vater trug sie tagt\u00e4glich. Wenn ich sie jetzt betrachte, dann sehe ich seinen Arm und die Uhr, die unter dem wei\u00dfen Zahnarztkittel hervorlugt.<br>Sie l\u00e4uft automatisch, immer noch relativ genau; pro Tag geht sie etwa eine Minute nach. Wie bei allen Automatik- und Handaufzugsuhren \u201al\u00e4uft\u2018 der Sekundenzeiger, bei Quarzuhren springt er ja.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jetzt kann man sich fragen, ob der Sekundenzeiger der Quarzuhr nicht vielleicht etwas verpasst, weil er den Zwischenraum \u00fcberbr\u00fcckt. mit einem Satz bei Automatik-Uhren oder Handaufzug f\u00fcllen die Zeiger auch die Zwischenr\u00e4ume aus.<br>Wie im Leben ist ja auch immer etwas in den Zwischenr\u00e4umen, manchmal sogar eine ganze Menge und es ist schon richtig, da\u00df wir die mit Leben ausf\u00fcllen und nicht immer gleich zum N\u00e4chsten h\u00fcpfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcber Zeit &#8211; deswegen auch meine Liebe zu Uhren &#8211; k\u00f6nnte ich immer schreiben und nachdenken; mach ich auch, weil sie so unwiederbringlich ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich wei\u00df, da\u00df jedem klar ist, da\u00df man nichts Wesentliches aufschieben soll, weil man ja nicht sicher ist, ob man es sp\u00e4ter nachholen kann.<br>Trotzdem schieben wir auf, immer in der Hoffnung &#8211; nein eigentlich ist das keine Hoffnung &#8211; wir denken einfach nicht daran und nehmen es als Selbstverst\u00e4ndlichkeit, da\u00df das Leben einfach weitergeht und die Zeit unendlich w\u00e4re.<br>Ist sie aber nicht, wie man manchmal auf abrupte, vielleicht grausame Weise erfahren muss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Griechischen gibt es, wie ihr wisst, zwei Zeitbegriffe. Chronos bezeichnet den kontinuierlichen, unver\u00e4nderlichen Fortlauf der Zeit, Kairos, der Gott der g\u00fcnstigen Gelegenheit, pr\u00e4sentiert die Zeit als M\u00f6glichkeit im Jetzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Redewendung \u201eEine Gelegenheit beim Schopfe packen\u201c bezieht sich auf Kairos. Er befand sich in st\u00e4ndiger Bewegung und war so schnell, da\u00df man ihn erst bemerkte, wenn er direkt vor einem stand.<br>Es gab nur eine M\u00f6glichkeit, ihn zu halten; ein schneller Griff nach dem langen Haarschopf, der dem Gott in die Stirn fiel. Kairos&#8216; Hinterkopf war kahl.<br>Einmal vorbeigeeilt, bekam man den Gott der g\u00fcnstigen Gelegenheit nicht mehr zu fassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tja!!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Befreie dich f\u00fcr dich selbst und sammle und bewahre die Zeit, die dir entweder geraubt oder heimlich entwendet wurde und entschl\u00fcpfte!\u201c In seinem ersten Brief von Seneca an seinen Freund Lucillius empfiehlt er ihm dies.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Zukunft \u00fcberl\u00e4sst er dem Zufall. Sie ist ungewiss und zweifelhaft. \u201eKeiner darf sich etwas auf die Zukunft versprechen, denn dies kann den Menschen nicht vorausgesagt werden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zur gegenw\u00e4rtigen Zeit, denn nur die ist von uns beeinflussbar, meint Seneca in \u201eVon der K\u00fcrze des Lebens\u201c:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der gr\u00f6\u00dfte Verlust f\u00fcr das Leben ist die Verz\u00f6gerung: Sie entzieht uns immer gleich den ersten Tag, sie raubt uns die Gegenwart, w\u00e4hrend sie fern Liegendes in Aussicht stellt. Das gr\u00f6\u00dfte Hemmnis des Lebens ist die Erwartung, die sich an das Morgen h\u00e4ngt und das Heute verloren gibt&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nur Orpheus gelang es durch seinen Gesang die Zeit zur\u00fcckzuholen und die G\u00f6tter zu erweichen, da\u00df sie ihm gestatteten Euridice aus dem Hades zur\u00fcckzuholen,<br>Die G\u00f6tter sind uns schon lange nicht mehr so wohl gesonnen, deswegen ist es besser die eigene aber auch besonders die gemeinsame Zeit zu nutzen.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Die erste Uhr, eine Taschenuhr hat \u00fcbrigens Peter Henlein in N\u00fcrnberg erfunden; deswegen auch das \u201eN\u00fcrnberger Ei\u201c. Die Antriebsfeder ersetzte die Gewichte und Rollen der gro\u00dfen Uhren, die es seit dem 13. Jahrhundert gab.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Graf von Leicester wollte Elisabeth der I. eine Uhr schenken und befestigte ein Armband an einer Uhr, voil\u00e0 die Armbanduhr!<br>Bis zum Burenkrieg und dem Ersten Weltkrieg wurden Uhren meist nur von Frauen getragen, erst danach auch von M\u00e4nnern. Wir sind eben immer etwas sp\u00e4ter dran mit Neuerungen.<br>1969 brachte Seiko die erste Quarzuhr auf den Markt.<br>Heutzutage geht das alles digital, aber eine SmartWatch ist f\u00fcr mich eben keine Uhr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr mich ist es immer noch wichtig eine \u201arichtige\u2018 Uhr zu tragen, bin eben gerne altmodisch, gibt mir irgendwie so ein eigenbestimmtes Gef\u00fchl, da\u00df mir die Zeit geh\u00f6ren w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed aligncenter is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-4-3 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Luciano Pavarotti - Che faro senza Euridice (Bari, 1984)\" width=\"500\" height=\"375\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/KgIslun-xhU?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich w\u00fcnsche euch einen best\u00e4ndigen Sonntag, vielleicht habt ihr auch die Muse von Eckermann \u201eGespr\u00e4che mit Goethe\u201czu lesen.<br>Passt wie immer auf euch und die anderen auf,<br>streitet nicht und haltet zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lieben Gru\u00df aus Hofheim<br>Euer Eckhard\/Papa \/Opa<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Lieben, es ist Samstag, in Hofheim auf der Terrasse schaue ich \u00fcber die Altstadt, aber auch immer wieder auf meine Uhr.Mit einem silberfarbigen Fix-O-Flex Band umschlie\u00dft sie meinen Arm. 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