{"id":52451,"date":"2024-05-26T00:54:00","date_gmt":"2024-05-25T22:54:00","guid":{"rendered":"https:\/\/sonntagsgedanken.de\/blog\/?p=52451"},"modified":"2024-05-25T20:57:28","modified_gmt":"2024-05-25T18:57:28","slug":"vergangenes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sonntagsgedanken.de\/blog\/2024\/05\/26\/vergangenes\/","title":{"rendered":"Vergangenes"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine Lieben,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">das war 1968, ich war 17 Jahre alt, sechs Wochen in Paris und habe dort das erste Mal diesen Song geh\u00f6rt, bis heute ein Lieblingslied von mir und es war die Melodie, die erklang, wenn meine Mutter mich angerufen hat. Nach ihrem Tod habe ich diese Erkennungsmelodie an meinen Bruder weitergegeben.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed aligncenter is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"The Beatles - The Beatles - Hey Jude (Official Music Video) [Remastered 2015]\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/A_MjCqQoLLA?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Morgens auf dem Weg von der Rue Littr\u00e9 zur Alliance Fran\u00e7aise am Boulevard Raspail, warmer Luftzug aus den Sch\u00e4chten der Metro, Verkehrsl\u00e4rm, vorbei an Bistros, bei Rot \u00fcber die Fu\u00dfg\u00e4ngerampeln, wie alle da; da sang ich dieses Lied.<br>Ritzte den Titel mit dem Kugelschreiber in die Holzbank, nachmittags auf dem Nachhauseweg vergn\u00fcgte ich mich eine ganze Zeitlang am Flipperautomaten im Bistro um die Ecke und abends war ich dann eben meist zu Hause.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war eine wunderbare Zeit, ich hatte das Gef\u00fchl von Freiheit, wenn ich am Pont Neuf meine Gauloises rauchte, sp\u00e4ter auf eine Demo gegen den russischen Einmarsch in die Tschechoslowakei ( das war zu dem Zeitpunkt noch ein Land) teilnahm.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das war acht Jahre vor meinem 25. Geburtstag. Jetzt fragt ihr euch, warum der denn irgendwie anscheinend wichtiger war als andere Geburtstage.<br>War er grunds\u00e4tzlich nicht.<br>Aber zum 25. habe ich von meiner Mutter eine antike Uhr, eine Tischstanduhr bekommen. Sie ist aus Holz, etwa 30 cm hoch und ca. 25 cm breit. Das Zifferblatt ist goldverziert, die beiden Zeiger eben altmodisch, vorne zwei L\u00f6cher, da steckt man diesen gro\u00dfen Schl\u00fcssel rein, um sie aufzuziehen.<br>Sie schl\u00e4gt zu vollen und zu halben Stunden.<br>Wenn ich eine Zeitlang weg bin, ist meine letzte Amtshandlung diese Uhr aufzuziehen, damit sie durchh\u00e4lt bis ich wieder da bin. Sie l\u00e4uft etwa zwei Wochen, dann braucht sie mich, um ihr wieder Leben einzuhauchen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Mutti hat die Uhr bei einem Antiquit\u00e4tenh\u00e4ndler am Pf\u00e4lzer Platz &#8211; bei uns in der Nordstadt &#8211; gekauft. DM 540,- hat sie gekostet, sie ist aus dem 19.Jahrhundert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wo auch immer ich in den letzten Jahren &#8211; immerhin bin ich fast 20 Mal umgezogen &#8211; mich niedergelassen habe, hat sie mich begleitet.<br>Man sollte sie nicht gro\u00df ber\u00fchren, sie ist ein Sensibelchen und bleibt dann trotzig stehen und geht keinen Schritt mehr.<br>Es kann dann Stunden dauern, bis ich sie durch vorsichtiges Anschieben, sprich das Pendel z\u00e4rtlich anzusto\u00dfen, wieder in Gang bekomme.<br>Als vor drei Jahren meine Mutter starb, war ich mehr als zwei Wochen nicht da und sie stand. Und ich glaube, ich brauchte mehr als drei Tage, bis sie sich wieder bequemte, mir die Zeit zu zeigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor ein paar Tagen ist nun etwas ganz F\u00fcrchterliches passiert; es mag euch nicht so schlimm vorkommen, aber f\u00fcr mich ist es entsetzlich. Sie hat einfach Mitte eines Tages den Dienst verweigert!<br>Sie steht.<br>Seit Tagen versuche ich nun verzweifelt, sie wieder in Gang zu bringen, bis jetzt erfolglos, alle m\u00f6glichen abenteuerlichen Gedanken gehen mir durch den Kopf, die nat\u00fcrlich nicht logisch sind, sondern nur emotional sind.<br>Was bedeutet das, da\u00df sie einfach nicht mehr will?<br>Ich werde es weiter versuchen, sie dann doch wahrscheinlich schweren Herzens zum Uhrendoktor bringen; es wird das bestimmt wieder!<br>Ihr Ticken fehlt mir schon jetzt, wenn ich ins Zimmer komme.<br>Verr\u00fcckt wie man an solchen Dingen h\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was mir vor kurzem auch so durch den Kopf ging, war die Frage, was ist eigentlich sch\u00f6ner:<br>Der erlebte Moment des Erlebens oder die Erinnerung daran.<br>Eine Antwort habe ich nicht gefunden, vielleicht ist das so, da\u00df im Augenblick des Erlebens, man es oft nicht bewu\u00dft wahrnimmt, irgendwie zwar sch\u00f6n, romantisch,<br>aufregend usw. findet, aber es ist eben nur ein Wimpernschlag.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sp\u00e4ter, auch viel, viel sp\u00e4ter ist das dann anders. Denke ich mich zur\u00fcck, erlebe ich es nochmals, ganz bewu\u00dft, das Gef\u00fchl von damals kommt zur\u00fcck und \u00fcbrigens nur das Positive alles Negative ist meist, wenn es nicht ganz extrem war, verschwunden.<br>Diese Gef\u00fchl kann man dann unendliche Male wiederholen, so zehre ich lange, lange an dem Vergangenen, indem ich sie kurz f\u00fcr mich aufwecke.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wunderbar!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich w\u00fcnsche euch einen erinnerungsw\u00fcrdigen Sonntag.<br>Pa\u00dft auf euch auf, streitet nicht und haltet zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lieben Gru\u00df vom See<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Euer Eckhard \/Papa\/Opa<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Lieben, das war 1968, ich war 17 Jahre alt, sechs Wochen in Paris und habe dort das erste Mal diesen Song geh\u00f6rt, bis heute ein Lieblingslied von mir und es war die Melodie, die erklang, wenn meine Mutter mich angerufen hat. 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