{"id":51877,"date":"2021-02-28T01:06:00","date_gmt":"2021-02-28T00:06:00","guid":{"rendered":"https:\/\/sonntagsgedanken.de\/blog\/?p=51877"},"modified":"2021-02-27T19:09:26","modified_gmt":"2021-02-27T18:09:26","slug":"musik-die-uns-traegt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sonntagsgedanken.de\/blog\/2021\/02\/28\/musik-die-uns-traegt\/","title":{"rendered":"Musik, die uns tr\u00e4gt"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine Lieben,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man hat viele Gedanken, die je nach Situation im Kopf kreisen, verschwinden oder irgendwie herauswollen. Das mit dem Herauswollen ist gar nicht so schwierig man muss es nur zulassen, sich die M\u00fche machen, aufzustehen, aufschreiben, beschreiben, dann werden sie immer lebendiger.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich sitze im Alfred, den kennt ihr ja schon\u00a0<em>(Sonntagsgedanken vom 29.3.20).<\/em>\u00a0Ich h\u00f6re das Klavierkonzert Nr.1 von Chopin und pl\u00f6tzlich bin ich in einem anderen Lehnstuhl, er ist auch bequem, nicht ganz so bequem wie der Alfred, aber es gen\u00fcgt.<br>Ich habe die Beine abges\u00e4gt, so dass ich mehr oder weniger fast auf dem Boden sitze. Der Lehnstuhl geh\u00f6rte meiner Oma. In der Mitte der Sitzfl\u00e4che hat er ein Loch, das war f\u00fcr den Nachttopf. Ich habe da ein altes Kissen reingestopft und ein rundes altes flaches Lederkissen dr\u00fcbergelegt, so merkte man das gar nicht. Ich war in meinem Mansardenzimmer, sa\u00df also in diesem Lehnstuhl unter einem der zwei schr\u00e4gen Dachfenster und h\u00f6rte dieses Klavierkonzert.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Irgendwie war mir so, dass ich das jetzt h\u00f6ren musste, irgendetwas klassisches, von meinen wenigen klassischen Schallplatten, die ich mit meinen 20 Jahren besa\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Opa war gestorben. Es war der Opa v\u00e4terlicherseits, viel Kontakt hatten wir nicht gehabt, aber er war der erste Tote in der Familie, der mir nahe gestanden hatte.<br>Mein Opa war Kabinettmeister in einer Schmuckwarenfabrik. Eine sehr kleine, typische Pforzheimer Fabrik. Kein Riesenjob, ich hatte nicht das Gef\u00fchl, dass er da der gro\u00dfe Boss war. Manchmal habe ich ihn um f\u00fcnf Uhr von der Arbeit abgeholt und bin mit ihm zum Bahnhof gegangen. Von dort ist er\u00a0mit dem Bus nach Hause, nach Niefern, gefahren.<br>Nach dem Angriff 1945 sind meine Gro\u00dfeltern von Pforzheim nach Niefern gezogen, da ihr Haus in der Stadt zerbombt\u00a0war.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Opa hatte dichte, wellige wei\u00dfe Haare, einen etwas dunkleren Teint, einen kleinen Finger, der gebogen war und nie gerade wurde. Er hatte H\u00fchner im Garten,\u00a0Obstb\u00e4ume, sogar einen Aprikosenbaum, Erdbeeren Johannisbeerstr\u00e4ucher und vieles mehr.\u00a0<br>Nach der Gartenarbeit ist er auf dem Sofa neben dem Kachelofen einfach eingeschlafen, w\u00e4hrend die Oma ihm seine Herztropfen geholt hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jetzt war er tot und ich dachte, jetzt etwas Klassisches. Und wenn man die Stelle, die ich meine, h\u00f6rt in diesem Klavierkonzert, dann sp\u00fcrt man direkt, wie der Opa, sich dem Himmelstor n\u00e4hert, bestimmt musste er nicht mal klopfen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr gute Menschen &#8211; was immer das auch ist &#8211; also f\u00fcr den Opa auf jeden Fall, da war die T\u00fcr offen. Nicht ganz offen, das ist sie nat\u00fcrlich nie, aber man kann sie einfach aufdr\u00fccken und schon ist man drin.<br>F\u00fcr den Opa war das bestimmt so.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn ich diese Musik h\u00f6re, dann sehe ich den Opa, wie er mit leichten Schritten auf diese T\u00fcr zugeht. Sie ist nur angelehnt. \u00a0Auch heute, bei dieser Musik sehe ich, wie er sich mit leichten Schritten dem Tor n\u00e4hert,\u00a0es \u00f6ffnet, zur\u00fcckschaut und verschwindet.\u00a0<br>Er hat sich bestimmt gefreut, dass ich f\u00fcr ihn damals und auch heute Chopin h\u00f6re, obwohl er das St\u00fcck bestimmt nicht kannte.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man muss nicht alles wissen und kennen, Hauptsache ist das Gef\u00fchl, ist die Musik, die uns tr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed aligncenter is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-4-3 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Chopin - Piano concerto No. 1 - Romance (Larghetto)\" width=\"500\" height=\"375\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/tH1e93SJllE?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So einfach ist da mit dem Aufschreiben, man muss sich nur die M\u00fche machen, aufstehen, hinsetzten, schreiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist ganz leicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich w\u00fcnsche euch einen wunderbaren, erinnerungsreichen Sonntag.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lieben Gru\u00df aus Hofheim.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gebt auf euch acht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Papa\/Eckhard<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Lieben, Man hat viele Gedanken, die je nach Situation im Kopf kreisen, verschwinden oder irgendwie herauswollen. 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