{"id":51832,"date":"2020-12-20T00:33:00","date_gmt":"2020-12-19T23:33:00","guid":{"rendered":"https:\/\/sonntagsgedanken.de\/blog\/?p=51832"},"modified":"2020-12-19T22:51:43","modified_gmt":"2020-12-19T21:51:43","slug":"gold-weihrauch-und-myrrhe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sonntagsgedanken.de\/blog\/2020\/12\/20\/gold-weihrauch-und-myrrhe\/","title":{"rendered":"Gold, Weihrauch und Myrrhe"},"content":{"rendered":"\n<p>Meine Lieben,<\/p>\n\n\n\n<p>in vier Tagen ist Weihnachten. Ein Weihnachten, ein wenig anders als die Weihnachten der vergangenen Jahre. Eingeschr\u00e4nkte Besuche,&nbsp;keine gro\u00dfen Familienfeiern, aber das wird bestimmt alles wieder, so wie es immer war. In einem M\u00e4rchen w\u00fcrde es hei\u00dfen \u201eund sie lebten vergn\u00fcgt bis an ihr Ende\u201c wobei in diesem Fall das &#8222;lebten vergn\u00fcgt&#8220; durch \u201efeierten&#8220; ersetzt werden m\u00fcsste.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuhause feierten wir, sogenannte traditionelle Weihnachten. Als Kind versteht man zwar nichts von Tradition, aber sp\u00e4ter kann man sich ein ganzes Leben daran entlang hangeln.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Exkurs: Gestern hatte mein \u00e4ltester Sohn Geburtstag. In der Woche vor dem Geburtstermin wurde ich zweimal aus der Vorlesung geholt: \u201ces w\u00e4re jetzt soweit!\u201c&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>war\u2019s aber jedes Mal nicht. Am 19. gingen wir morgens zum Termin, die Geburt sollte eingeleitet werden (wahrscheinlich wollten die \u00fcber Weihnachten ihre Ruhe haben).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Hebamme erkl\u00e4rte mir, das geht noch eine ganze Weile, sie k\u00f6nnen heute um die Mittagszeit wiederkommen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ok, dann schreibe ich heute Vormittag noch die Arbeitsrechtsklausur und bin dann gegen 13.00 zur\u00fcck. Gesagt, getan.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am fr\u00fchen Nachmittag war ich zur\u00fcck.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Klausur geschrieben, an das Ergebnis kann ich mich nicht mehr erinnern, aber bestanden hatte ich.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Die Geburt zog sich hin, nach dem Motto \u201egut Ding will Weile haben\u201c. Gegen 19 Uhr informierte mich die Schwester, dass jemand vor T\u00fcre des Krei\u00dfsaales f\u00fcr mich war, ich solle mal kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich raus, da stand mein Vater. &#8222;Du brauchst doch bestimmt St\u00e4rkung&#8220; und wollte mir eine Flasche Bier und ein Wurstbrot geben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Danke, kann jetzt aber nicht!&nbsp;Zur\u00fcck in den Krei\u00dfsaal.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Kind kam um&nbsp;21.22 Uhr, alle gl\u00fccklich.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwie passt doch so eine Geburtsgeschichte dann doch zur Weihnachtszeit, wenn es auch eher Bier und Wurstbrot war, anstatt Gold, Weihrauch und Myrrhe.<\/p>\n\n\n\n<p>Also, schon w\u00e4hrend des Advents versuchte meine Mutter ab und zu eine ruhige Stunde am Sp\u00e4tnachmittag einzuschieben, wir tranken Tee, a\u00dfen Weihnachtsbr\u00f6tchen, sie \u00fcbte schon mal am Klavier einige Weihnachtslieder. Mein Lieblingslied war und ist&nbsp;\u201eDas Christgl\u00f6ckchen&#8220;. Es beginnt recht getragen, ich k\u00f6nnte das euch jetzt vorsummen und geht dann \u00fcber in ein Potpourris von bekannten Weihnachtsliedern.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 24. blieb das Wohnzimmer f\u00fcr uns versperrt. Wir hielten uns auch daran, denn wir wollten ja das Christkind nicht davon abhalten den Baum zu schm\u00fccken und hoffentlich auch Geschenke f\u00fcr uns unter den Baum zu legen. Hatten wir doch recht eifrig auch im Vorfeld einen Wunschzettel geschrieben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag, so gegen 4 Uhr, gingen wir alle gemeinsam auf den Hauptfriedhof, haben bei den Gr\u00e4bern unserer Verstorbenen eine Kerze angez\u00fcndet, schweigend an sie gedacht und dann, um 17.00 Uhr, am gro\u00dfen Tannenbaum am Haupteingang dem Posaunenchor zugeh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder zur\u00fcck, es war jetzt schon dunkel, ins Kinderzimmer, umziehen, bessere Hose, Hemd, eine kleine Fliege oder Krawatte, Jacket. Unsere Eltern hatten sich ebenfalls umgezogen, Vater im dunklen Anzug und Mutter in einem dunklen Kleid. Weil sie aber noch einiges in der K\u00fcche vorbereiten musste, hatte sie dr\u00fcber einen Sch\u00fcrze gebunden. Tante Elsa war schon da, sie kam mit dem Taxi vom Martinsbau, wo sie seit einigen Jahren ein Zimmer im Altenheim bewohnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich viele Jahre sp\u00e4ter am Sedanplatz wohnte, konnte sie mir von ihrem sehr kleinen Balkon zuwinken. Ich habe heute noch ein schlechtes Gewissen, dass ich manchmal so getan habe als sehe ich das nicht, ein <em>Bes\u00fcchle<\/em> w\u00e4re l\u00e4ngst f\u00e4llig gewesen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Oma und Opa kamen die 80 Treppenstufen hoch, mit einem W\u00e4schekorb voller Geschenke, das haben wir nat\u00fcrlich nur durch den T\u00fcrspalt gesehen. Sie verschwanden im Wohnzimmer, kamen aber auch gleich wieder heraus. weniger bepackt. Auch sie waren im \u201eSonntagsstaat\u201c. Die Spannung stieg.<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich, endlich h\u00f6rten wir ein Gl\u00f6ckchen l\u00e4uten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In Reih und Glied standen wir vor der T\u00fcr des Herrenzimmers, hier musste man durch, um ins Wohnzimmer zu gelangen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Beim \u201eEinzug\u201c spielte meine Mutter auf dem Klavier besagtes <em>Christgl\u00f6ckchen<\/em>, mein Vater Geige. Als wir dann&nbsp;&nbsp;\u00e4lter waren spielte mein j\u00fcngerer Bruder Klarinette.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle setzten sich. Mein Vater stellte sich hinter einen Sessel, der im Durchgang vom Herrenzimmer zum Wohnzimmer stand. Ich sa\u00df in der Regel auf diesem Sessel. Seine Rede begann immer mit den Worten <em>Weihnachten zuhause<\/em>\u2026\u2026\u2026\u2026., er verga\u00df keinen bei seinem Jahresr\u00fcckblick. Schm\u00fcckte das durch kleine Anekdoten,&nbsp;wie es in der Schule war, was meine Mutter oder die Gro\u00dfeltern gro\u00dfartiges geleistet haben. Er erw\u00e4hnte auch alle, die jetzt nicht bei uns im Raum waren, zum Beispiel meinen \u00e4lteren Bruder, der bei der Bundeswehr Dienst hatte. Einmal kam er sp\u00e4ter am Abend w\u00e4hrend einer Dienstfahrt mit einem Kollegen vorbei. Er gedachte auch derer, die uns in diesem Jahr verlassen hatten (gestorben) oder auch schon l\u00e4nger nicht mehr bei uns waren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wie gesagt, keiner wurde vergessen!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann schwenkte er meist \u00fcber zur gro\u00dfen Weltpolitik. Heute w\u00fcrde er wahrscheinlich \u00fcber die Fl\u00fcchtlingskrise sprechen, dass es nicht richtig ist, wenn Menschen ihre Heimat verlassen m\u00fcssen, im Mittelmeer ertrinken oder seit vielen Jahren Menschen in Fl\u00fcchtlingscamps leben m\u00fcssen. Im Extremfall sogar ein ganzes Leben. Vielleicht auch w\u00fcrde er auch erw\u00e4hnen,&nbsp;was die Grundlage f\u00fcr dieses heutige Elend ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber k\u00f6nnt ihr euch ja selbst Gedanken machen. Ich k\u00f6nnte mir auch vorstellen, dass er die Familie auffordern w\u00fcrde f\u00fcr die Demokratie aufzustehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Viel ist dem nicht hinzuzuf\u00fcgen. Ich w\u00fcnsche euch und allen Menschen ein friedvolles, besinnliches Weihnachtsfest.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich pers\u00f6nlich w\u00fcnsche ich, dass ich im neuen Jahr etwas toleranter, gro\u00dfz\u00fcgiger, liebevoller, mehr ein K\u00fcmmerer, weniger ein Einmischer bin. Mit anderen Worten, ein bissel mehr ein besserer Mensch.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Lieben Gru\u00df vom See.<\/p>\n\n\n\n<p>Gebt auf euch acht!<\/p>\n\n\n\n<p>Papa\/Eckhard<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Lieben, in vier Tagen ist Weihnachten. Ein Weihnachten, ein wenig anders als die Weihnachten der vergangenen Jahre. Eingeschr\u00e4nkte Besuche,&nbsp;keine gro\u00dfen Familienfeiern, aber das wird bestimmt alles wieder, so wie es immer war. 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