Meine Lieben,
Man hat viele Gedanken, die je nach Situation im Kopf kreisen, verschwinden oder irgendwie herauswollen. Das mit dem Herauswollen ist gar nicht so schwierig man muss es nur zulassen, sich die Mühe machen, aufzustehen, aufschreiben, beschreiben, dann werden sie immer lebendiger.
Ich sitze im Alfred, den kennt ihr ja schon (Sonntagsgedanken vom 29.3.20). Ich höre das Klavierkonzert Nr.1 von Chopin und plötzlich bin ich in einem anderen Lehnstuhl, er ist auch bequem, nicht ganz so bequem wie der Alfred, aber es genügt.
Ich habe die Beine abgesägt, so dass ich mehr oder weniger fast auf dem Boden sitze. Der Lehnstuhl gehörte meiner Oma. In der Mitte der Sitzfläche hat er ein Loch, das war für den Nachttopf. Ich habe da ein altes Kissen reingestopft und ein rundes altes flaches Lederkissen drübergelegt, so merkte man das gar nicht. Ich war in meinem Mansardenzimmer, saß also in diesem Lehnstuhl unter einem der zwei schrägen Dachfenster und hörte dieses Klavierkonzert.
Irgendwie war mir so, dass ich das jetzt hören musste, irgendetwas klassisches, von meinen wenigen klassischen Schallplatten, die ich mit meinen 20 Jahren besaß.
Mein Opa war gestorben. Es war der Opa väterlicherseits, viel Kontakt hatten wir nicht gehabt, aber er war der erste Tote in der Familie, der mir nahe gestanden hatte.
Mein Opa war Kabinettmeister in einer Schmuckwarenfabrik. Eine sehr kleine, typische Pforzheimer Fabrik. Kein Riesenjob, ich hatte nicht das Gefühl, dass er da der große Boss war. Manchmal habe ich ihn um fünf Uhr von der Arbeit abgeholt und bin mit ihm zum Bahnhof gegangen. Von dort ist er mit dem Bus nach Hause, nach Niefern, gefahren.
Nach dem Angriff 1945 sind meine Großeltern von Pforzheim nach Niefern gezogen, da ihr Haus in der Stadt zerbombt war.
Mein Opa hatte dichte, wellige weiße Haare, einen etwas dunkleren Teint, einen kleinen Finger, der gebogen war und nie gerade wurde. Er hatte Hühner im Garten, Obstbäume, sogar einen Aprikosenbaum, Erdbeeren Johannisbeersträucher und vieles mehr.
Nach der Gartenarbeit ist er auf dem Sofa neben dem Kachelofen einfach eingeschlafen, während die Oma ihm seine Herztropfen geholt hat.
Jetzt war er tot und ich dachte, jetzt etwas Klassisches. Und wenn man die Stelle, die ich meine, hört in diesem Klavierkonzert, dann spürt man direkt, wie der Opa, sich dem Himmelstor nähert, bestimmt musste er nicht mal klopfen.
Für gute Menschen – was immer das auch ist – also für den Opa auf jeden Fall, da war die Tür offen. Nicht ganz offen, das ist sie natürlich nie, aber man kann sie einfach aufdrücken und schon ist man drin.
Für den Opa war das bestimmt so.
Wenn ich diese Musik höre, dann sehe ich den Opa, wie er mit leichten Schritten auf diese Tür zugeht. Sie ist nur angelehnt. Auch heute, bei dieser Musik sehe ich, wie er sich mit leichten Schritten dem Tor nähert, es öffnet, zurückschaut und verschwindet.
Er hat sich bestimmt gefreut, dass ich für ihn damals und auch heute Chopin höre, obwohl er das Stück bestimmt nicht kannte.
Man muss nicht alles wissen und kennen, Hauptsache ist das Gefühl, ist die Musik, die uns trägt.
So einfach ist da mit dem Aufschreiben, man muss sich nur die Mühe machen, aufstehen, hinsetzten, schreiben.
Es ist ganz leicht.
Ich wünsche euch einen wunderbaren, erinnerungsreichen Sonntag.
Lieben Gruß aus Hofheim.
Gebt auf euch acht.
Papa/Eckhard

