Meine Lieben,
ich sitze am Schreibtisch, es ist ein sehr alter Schreibtisch, mein Vater hat, so sagt man, an ihm seine Doktorarbeit geschrieben.
Ich habe ihn schon sehr, sehr lange. In meiner ersten Ehe haben wir ihn hellgrün gestrichen, wer jetzt auf diese verrückte Idee kam, kann ich nicht sagen. Aber wir waren 23 Jahre alt, da hat man manchmal solche Einfälle! Gabi hat an diesem Schreibtisch ihre Lehramtsprüfung vorbereitet, und da der Schreibtisch schon an entsprechende intellektuelle Arbeiten gewöhnt war, siehe den Satz vorher, war auch das erfolgreich.
Wie der Alfred (s. „Beste Freunde“ vom 20. März 2022) ist er mit mir durch die Welt gezogen, nicht überall hin, aber einige Plätze haben wir doch zusammen erobert. Seit fast 14 Jahren steht er jetzt mit Blick auf den See in meinem Büro, manchmal sage ich auch Herrenzimmer, weil bei uns zuhause hieß das Herrenzimmer. In ein Herrenzimmer gehört jedoch eine Couch zum Entspannen, ich habe nur ein kleines Zweier-Sofa bei mir stehen und das wird eher als zusätzliche Ablage benutzt. Ergo, kein richtiges Herrenzimmer, im nächsten Haus kommt da eine Couch rein, definitiv, dann wird das ein richtiges, echtes Herrenzimmer!
Zurück zum „Jetzt“, ich sitze am Schreibtisch auf einem roten, ehemaligen Esszimmerstuhl, es ist nämlich gar nicht einfach, an ihm entsprechend zu sitzen, weil so richtige ergonomische Maße hat der Schreibtisch nicht.
Außerdem finde ich ihn auch etwas zu klein für mich.
Meine Ehefrau würde jetzt bestimmt sagen: „Der ist nicht zu klein, du hast nur zu viel Kruscht auf ihm und mußt dann deinen Laptop zwischen Fotos vom Opa, deiner Mutter, der gesamten Familie, Theo mit mir, zwei Golfbällen (unbenutzt), einer Glaskugel aus Murano, mehreren kleinen Schildkröten aus Holz, Keramik und Stoff (Letztere hat ein Maßband im Bauch versteckt), Visitenkartenständer, Locher, Bleistiftspitzer, Büchern, die du gerade lesen willst, und einem riesigen Ordner (mit der Aufschrift „zu erledigen“), einen kleinen Lautsprecher, eine Aufbewahrungsschale (aus Portugal) für Schreibutensilien und ein Ladegerät zwingen. – Da könnte ich nicht arbeiten!“
Sie hat ja Recht, aber hinter mir auf dem Sideboard stehen die ganzen Devotionalien von meinen Reisen und rechts neben mir ist eine Bibliothek übervoll und auf den Ausziehschubern liegen alle möglichen Bücher, das kleine Sofa ist, wie gesagt, auch belegt.
Ok, der Schreibtisch ist inzwischen nicht mehr grün, sondern wieder im Original, also braun. Hier und da sieht man noch, daß er vor langer Zeit mit Farbe verschandelt wurde.
Ich schaue durchs Fenster, der Schreibtisch hat, wie gesagt, Blick auf den See, bloß heute ist da kein Blick, der Nebel ist undurchdringlich. Die Sonne versucht aber, sich Raum zu schaffen, und ich bin sicher, daß ich mich heute Nachmittag auf die Bank vor dem Haus, um genauer zu sein, auf der Rückseite des Hauses, in die Sonne setzen kann.
Ich hatte gerade den zweiten Band von Tolstois Krieg und Frieden aufgeschlagen, seit Tagen fiebere ich schon, ihn zu beginnen, aber die Zeit hat mir gefehlt, aber das kennt man ja, daß man oft nicht zu dem kommt, was man sich so gerne wünscht.
Obwohl, die Zeit ja eigentlich nicht fehlen kann, die ist immer da!
In Gedanken, nach den ersten zwei Seiten im Buch, blickte ich auf, schaute auf die Nebelwand, konnte den See noch nicht sehen, den Blick zurück auf den Schreibtisch und da kamen irgendwo her all diese Erinnerungen, wie er in der Dillsteiner Straße stand, grün angestrichen, wie ich ihn dann später, ich denke, es war gemeinsam mit Regina, ihn wieder in das ursprüngliche Braun verwandelte. Weiter mit mir in die Schweiz, zurück nach Deutschland, sodaß wir jetzt zusammen seit vielen Tagen am See sitzen.
Kürzlich hatte ich während einer Geburtstagsfeier eine sehr angenehme Unterhaltung, irgendwie ging es um Kindheit und Sehnsüchte und, daß man vielleicht im Alter wieder gerne „heim“ möchte, alles ist einfacher, die Umgebung, die Menschen, die Sprache.
Wahrscheinlich ist der Schreibtisch – hat er einen Namen? – auch froh, wieder in der ursprünglichen Farbe zu sein, alle oben beschriebenen Dinge auf seinem Rücken zu spüren, inklusive meiner Arme, und er freut sich bestimmt, daß er mir immer und immer wieder neue Gedanken einhauchen kann.
Gut so!
Ich wünsche euch einen natürlichen Sonntag.
Paßt auf euch auf, streitet nicht und
haltet zusammen.
Lieben Gruß vom See
Euer Eckhard/Papa/Opa


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