Meine Lieben,
Sonntag, der 2. Weihnachtsfeiertag, Geschenke ausgepackt, Essen verdaut.
-Weihnachten zuhause war sehr traditionell, was immer man auch darunter versteht.
Nachmittags auf den Friedhof, alle Gräber besuchen, Posaunenchor am großen Tannenbaum, nach Hause, umziehen (sehr formell), warten bis das Glöckchen vom Christkind läutet, „Einzug“ ins Wohnzimmer, Mutter spielte Klavier, Vater Geige, Weihnachtslieder singen, Rede vom Vater ( mehr oder weniger ein kurzer Jahresrückblick, alle Anwesenden und auch wichtige Nichtanwesenden wurden erwähnt), ein Toast auf Weihnachten und die Familie, Geschenke in Empfang nehmen und verteilen,
Abendessen, als wir noch kleiner waren Kartoffelsalat und Würstchen, später mehr sophisticated, zum Beispiel gefüllte Kalbsbrust etc.
-Heute am 2. Feiertag stehen Familienbesuche an. Wir freuen uns darauf, leider können wir einige, lebenswichtige nur auf dem Friedhof besuchen, aber ich halte es mit Bertold Brecht:“ Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt „
Vor längerer Zeit habe ich mal in einem Weihnachtsbrief, die Geschichte von „Hans Im Glück“ erzählt.
Diese Märchen von den Gebrüdern Grimm kennt ihr bestimmt.
Hans arbeitete in der Fremde, wurde mit einem Klumpen Gold belohnt und machte sich damit auf den Heimweg. Unterwegs tauschte er das Gold gegen ein Pferd, das Pferd gegen eine Kuh, die Kuh gegen ein Schwein, das Schwein gegen eine Gans und die Gans gegen einen großen Mühlstein.
Bei der nächsten Rast fällt ihm der Mühlstein in einen Brunnen, jetzt sollte er eigentlich traurig sein, so mittellos wie er ist, aber im Gegenteil er ist froh von der schweren Last befreit zu sein.
Wenn man dies liest denkt man, dass dies eine Geschichte von Dummheit und vom Scheitern ist, passt irgendwie nicht zu unseren heutigen ökonomischen Kategorien. Hans hat jedoch ein anderes Wertesystem.
Beim Eintauchen in dieses Märchen erkennt man vielleicht, dass man eigentlich weniger benötigt als man glaubt, erkennt was wichtig ist und was das Leben ausmacht.
Während ich diese Zeilen schreibe sitze ich am Schreibtisch meiner Mutter und mir ist bewusst wie endlich diese Lebenszeit ist und wie endgültig ein Abschied.
Unsere Zeit ist nicht vermehrbar, jeder Augenblick ist einmalig und unwiederbringlich verloren auch wenn uns dies im tagtäglichen nicht immer bewusst ist.
Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts betrachtet und nur im Blick zurück weiß man was man vielleicht anders gemacht hätte oder wo man Schwerpunkte hätte setzen sollen.
Von Zeit zu Zeit innehalten, sich besinnen und gegebenenfalls neu ausrichten, das halte ich für wichtig.
Die kommenden, ruhigen Tage „zwischen den Jahren“ eignen sich gut zum Durchatmen und Nachdenken.
Überlegen, was wichtig ist, wo ich großzügiger sein soll, mehr verzeihen kann, wo Kompromisse helfen und wohin mich mein Leben führt.
Der Titel einer LP von Roger Waters heisst: “Is this the life we really want?“.
Interessante Frage, wenn man sich dann klar macht, dass dies hier, nicht die Generalprobe für das richtige Leben ist.
In dem Buch, das ich heute empfehle, gibt es einen Absatz, der geht folgendermaßen:
„Wir alle leben provisorisch, jeder von uns denkt, dass eines Tages das wahre Leben beginnen wird und so vergehen die Jahre und wir werden vielleicht sterben ohne je wirklich gelebt zu haben.“
Zum Nachdenken https://youtu.be/ciGXV5aUvEo , zum sich freuen https://youtu.be/LD_jSZC14Vk und zum lesen Ignazio Silone „Wein und Brot“
Ich wünsche euch einen schönen 2. Weihnachtstag.
Gebt auf euch acht,
haltet zusammen und streitet nicht.
Lieben Gruß
Eckhard O/P

